9.06.2010

Morgenjubel – Die Eigentlichkeit des Menschen im Todesaugenblick

Hermann Weidelener

Die folgende Betrachtung bedarf im Besonderen Ihrer wohlwollenden und nachsichtigen Gesinnung. Vielleicht ist es notwendig, wenn man sich derartig für das Christliche, für das Vermächtnis des Jesus von Nazareth engagiert, dass man nicht nur das herausholt, was in diesem Vermächtnis enthalten ist, sondern dass man auch von dem berichtet, was man durch dieses Vermächtnis gewinnt. Man nennt das im altchristlichen Sinn ja Martyria, Zeugnis.

Nun liegt mir gar nichts daran, das, was zu sagen ist, gewissermaßen in den Raum der Öffentlichkeit zu tragen. Da es sich jedoch um etwas handelt, was zu einer Korrektur der Meinung über den Tod beitragen kann, so erscheint es mir als ein Akt der Nächstenliebe, wenn man davon spricht. Selbstverständlich muss ich versuchen, das so zu sagen, wie ich es ausdrücken kann, und das ist persönlich und subjektiv und entspricht dem, was man eine Auffassung nennt, das heißt also, einem Vorgang, bei dem man Eindrücke erhält, die man in sich aufnimmt – wobei man weiß, dass man ja nur bruchstückhaft, unzulänglich und unvollkommen aufnehmen kann. Und entsprechend ist die Reproduktion der Aufnahme wohl immer etwas Fragwürdiges, weil sehr unvollständig.

Manches von dem, was noch zu sagen wäre, wird weggelassen, weil es dem Redner selbst nicht vollkommen klar und deutlich ist. Dadurch könnten sich Fragen ergeben, die aus der Unvollständigkeit des Darzustellenden entstehen.

Ich möchte gerne vom Tod sprechen und zwar vom Tod, nicht vom Sterben und nicht von dem nachtodlichen Leben, sondern von dem ganz bestimmten Akt den Todes. Ich habe vor Jahren in anderen Zusammenhängen einmal ausführlicher davon gesprochen und kann mich darauf beziehen, nämlich dass der Todesaugenblick der eigentliche Akt des menschlichen Lebens ist, in dem zum ersten Mal im menschlichen Leben in einer einmaligen Weise der ganze Mensch auftritt mit all dem Vielfältigen, was an ihm und in ihm sein kann.

Der Todesaugenblick ist der Augenblick, in dem der Mensch seine volle Bewusstwerdung erfährt, um die er während seinen Lehens intensiv und dauernd vergeblich ringt, es sei denn, er erlangte eine Art der Einweihung, was ja innerhalb unserer Kultur etwas Ungewöhnliches ist.

Diesen Augenblick der vollen Bewusstwerdung kann man an jedem Sterbelager
auf eine wunderbare Weise miterleben. Es ist ein Momentanes – das heißt, ein Moment, denn das Ganze stellt ja den Todesaugenblick dar-, wahrzunehmen daran, dass der Sterbende plötzlich weit seine Augen aufschlägt und bei den allermeisten Sterbenden – von mir aus muss ich sagen, hei allen Sterbenden – aus diesen Augen plötzlich ein Licht bricht, das nie während des Lebens in diesen Augen war, und damit zugleich eine Botschaft aus diesem Augenaufschlag kommt, die heißt: ja! Es ist das Licht der absoluten und vollkommenen, uneingeschränkten Bejahung.

Wir haben hier eine Art von handgreiflichem Beweis, was leider für den Menschen unserer Zeit auch wichtig ist. Denn jeder, der an einem Sterbelager die innere Sammlung behält und nicht durch irgendwelche Dinge des Sterbevorgangs sich irritieren lässt, wird sich nachher fragen müssen, was dieses wunderbare Aufschlagen der Augen und das Licht in ihnen bedeutet. Es gibt keine andere Deutung als die, die ich jetzt gegeben habe.

Das ist der letzte und vielleicht der erste eigentliche Gruß des in den Tod Gehenden an die Hinterbliebenen, eine Botschaft, die schon aus dem Jenseits (ich darf dieses Wort bestehen lassen) kommt.

Im Todesaugenblick erlebt der Mensch seine vollständige Freiheit, auch das wohl, was man eine Entscheidungsfreiheit nennen kann. Diese Entscheidungsfreiheit wird dann eingeschränkt, aber auf eine wunderbare Weise eingeschränkt, und trotzdem hat der Mensch das Gefühl, dass er in der Entscheidung steht, obwohl er paradoxerweise in diesem Augenblick schon die Entscheidung getroffen hat.
Im Todesaugenblick – ich betone also, nicht im Sterben und nicht nachtodlich, sondern im Todesaugenblick – erfährt der Mensch zum ersten Mal, wie das Fremdsein seines Lebens von ihm weicht und er jetzt vielleicht sogar lächelnd erkennt, dass er dahin gekommen ist, wohin er kommen wollte, jetzt für einen Augenblick vom Sterben zu sprechen.

Der Sterbevorgang ist ja für jeden einzelnen Menschen ein anderer, es gibt keinen generellen Sterbevorgang. Der eine Mensch stirbt jahrelang, ein anderer monatelang, ein anderer wochenlang, ein anderer tagelang, ein anderer nur in Stunden. Je länger der Sterbevorgang hei einem Menschen währt – falls er in der Lage ist, das zu verfolgen, und er nicht untergeht in den bedrängenden Ereignissen des Stechens -, desto mehr wird er spüren, wie er auf eine
immer größere Sammlung zustrebt. Gerade in einem sehr langen Sterbevorgang wird das deutlich, weil allmählich eine erstaunliche, oft bedrängende und schmerzliche Ferne zu allem Irdischen auftritt und sich immer stärker die Kraft im Inneren entfaltet. Der Mensch hat das Gefühl, die Empfindung, den Eindruck, dass er sich von alltäglichen Dingen mehr und mehr entfernt.

Wenn er nicht das Schmerzliche dabei ausschließlich erlebt, sondern den Vorgang wie gesagt beobachten kann, dann wird er gleichzeitig feststellen, wie die inneren Kräfte, die bis dahin zerstreut waren, sich herauslösen aus dem Vielerlei und zu einer Sammlung schreiten. Merkwürdig ist, dass die gewisse Ferne des Lebens, die dabei auf- und eintritt, sich dem Bewusstsein ganz anders darstellt, nämlich als eine Art Überlegenheit. In der Sammlung der Kraft auf das Innere erfährt der Mensch ein Wachstum einer gewissen Seinsmächtigkeit.

Das alles bereitet sich im Sterbevorgang vor und findet seine Vollendung im Todesaugenblick. Plötzlich erfährt der Mensch, wie seine ganze Kraft geschlossen ist, gar nichts mehr zerfließt in irgendwelche Seitenkanäle, sondern ein mächtiges Stromgebilde da ist. Und das Sterben, also das Verlassen des Leibes wird nicht nur als etwas erlebt, zu dem der Mensch gezwungen und genötigt wird, sondern er erlebt, dass er die Kraft dazu besitzt, den Körper zu verlassen. Der Körper steht für ihn in diesem Augenblick – in diesem Augenblick – nur als Symbol für alles materielle Dasein, und so erlebt er seine Mächtigkeit über das Dasein.

Sie werden sagen: Das ist ein langer Augenblick! Er ist auch lang, denn er spielt schon nicht mehr in der Zeit und kann nur von der Sicht der Zeitgebundenen, also von unserer Sicht aus als Augenblick gewertet werden, weil er, in die Zeit projiziert, effektiv nur einen Augenblick darstellt. Für den Erlebenden aber, der ja schon der Zeit enteilt, stellt es sich als etwas ganz anderes dar, das wir gar nicht bezeichnen müssen. Wir bleiben bei dem Aspekt, den wir von unten her haben, und deshalb: „Augenblick“.

in diesem Augenblick tritt der Mensch vor den auferstandenen Christus. Ich könnte sagen, der Tod wirft ihn dem Christus entgegen – alles Ausdrücke, die aus unserer sterblichen Sieht genommen sind, aus dem Raum-Zeitlichen, und in gar keiner Weise dem entsprechen, was dort wahrzunehmen ist, Ich könnte auch sagen, vom Tode geleitet schwebt der Mensch auf den Christus, den Auferstandenen zu. und zwar handelt es sich dabei nicht um einen Christus der Theologie oder anderer dogmatischer Vorstellungen, sondern es handelt sich ganz konkret um den auferstandenen Menschensohn.

Ich darf noch einmal betonen, es geht um den Todesaugenblick und nicht um jene Vorgänge, die für die Menschen das Sterben und den Tod zu einem großen Problem machen, das Leidvolle, Qualvolle, auch nicht um die oft lang andauernde Agonie und ähnliches. Das alles gehört zum Sterben, und der Todesaugenblick kommt ja dann, wenn das alles schon beendet ist.

Der Mensch erlebt, wie seine Seele erwacht. Es ist ein allmähliches und dennoch sehr stark dynamisch-plötzliches Er-wachen, ein Wachsen der Wachheit. Etwas, was der auf Erden lebende Mensch gut kennt, wenn auch nur in einer Andeutung, die ihn wohl auf das Eigentliche verweisen soll. Das allmähliche Erwachen kennt der Mensch aus seinem irdischen Lebenszustand, und wenn er das durch einige Tage hindurch ein wenig kontrolliert, stellt er fest, dass er, wenn das Erwachen aufhört, noch nicht wacht, sondern nur eine relative Wachheit besitzt und eigentlich möchte, dass jetzt die Wachheit weiterwächst. Weil das aber nicht geschieht, so haben wir längst resigniert und holen den Vorgang nur in das Bewusstsein herein, wenn wir darauf gelenkt werden.

Nun erlebt der Mensch, wie er immer wacher und wacher wird. Und indem er erwacht, wächst zugleich das, was er als Geistigkeit bezeichnen kann. Die Seele verwandelt sich zu dieser Wachheit und wird immer mehr und mehr reiner Geist, ganz von Licht umhüllt, das immer stärker und stärker wird und im Herzen des Menschen – denn er besitzt ja sein geistiges Herz nach wie vor – einen unvorstellbaren Jubelrausch auslöst.
Wenn dieses Brausen des Lichtwachsens, vorüber ist end gewissermaßen die geistige Sonne nun aufgegangen vor dem Menschen steht, dann erlebt er ein neues Wunder, nämlich dass er plötzlich alles versteht. Ein volles, umfassendes Verständnis ist da, wohin er auch seinen Blick richtet – verzeihen Sie, wenn ich das so irdisch sage, aber wie soll ich es sonst ausdrücken? Überall liegen die Dinge und die Wesen und die Ereignisse vollständig offen vor ihm, und er durchschaut sie bis zum Letzten. Er trinkt aus der Welt, in der er lebt, die Sinnhaftigkeit des Daseins.
Hier erfährt der Mensch – was ihm nachher noch deutlicher wird -, wie er fliegen kann. Er schwebt, und zwar schwebt er mit großer Dynamik. Natürlich hat er keine Flügel, das braucht es ja nicht, aber er kann schweben und schwebt mit großer Schnelligkeit durch diesen Raum hindurch, um das Erkenntnisvermögen auszukosten. Überall schwebt er, um dieses verstehende Erkennen auszuüben.
Es ist von der Sicht des im irdischen lebenden Menschen aus gesehen so, dass der Mensch im Todesaugenblick auch die ganzen Planetenräume in dieser Weise durcheilt, wirklich über-All.
Danach kommt es wie zu einer Art Besinnung, einer gewissen Ruhe nach diesem ungeheuren Rausch, und aus der Tiefe des eigenen menschlichen Wesens erwächst das gesamte Leben, das eigene gelebte Leben als eine geschlossene Ganzheit. Alles was im irdischen Bereich über Jahrzehnte hin verteilt war in Vorgänge, Ereignisse, Geschehnisse, die gar nichts miteinander zu tun hatten, außer eben, dass wir darin gelebt haben, alles was für uns aufgeteilte Vergangenheit ist, das schließt sich hier zu einem Gesamtbild, zu einer Ganzheit zusammen, und aus diesem Gesamtbild des gelebten Lebens tritt dem Menschen zugleich das Geheimnis seiner Sendung entgegen. Ich könnte sagen, er liest es darin, doch das ist nicht richtig, denn es ist kein Lesen; er nimmt es wahr. Und indem er das Geheimnis seiner Sendung wahrnimmt, fühlt er die Nähe der schöpferischen Weltenmacht. Zugleich sieht er, wohl auf Grund der Fähigkeit, das Ganze eines Lebens wahrzunehmen, die Geschlossenheit der ganzen Welt. Es kommt zu der kosmischen Sicht des Universums, des Alls. Und in der Mitte dieses Alls steht der Auferstandene als das offenbare Geheimnis des ganzen Weltgeschehens. Der Mensch ist in diesem Augenblick noch nicht im vollen Lebensgefühl identisch, aber er weiß um die Identität; er weiß, dass er das selbst ist, den er da sieht.

Da steht der Mensch vollkommen frei, vollkommen wissend und fähig, sich in dieser unvorstellbaren Freiheit überall hinzuwenden. Es ist der wunderbare Augenblick, in dem der Mensch, der ein Leben lang gerungen hat um sich und seine Existenz, erfährt, was es bedeutet, zu sein. Jetzt erst ist er. Auf Erden lebend ist er ja nie. Wir können ans gedanklich darüber unterhalten, dabei steht das Sein immer hinter uns oder ist weit vor uns – man kann es so oder so ausdrücken. Jedenfalls jetzt in diesem Augenblick sieht der Mensch, dass er nur ein Werdender nur, aber niemals ein Sehender.

Zugleich wird uns wieder bewusst, dass wir das Leben nur gestreift haben, dass wir uns aber in diesem Leben in gar keiner Weise entfaltet haben. Wir haben dies oder das getan, doch das alles blieb wie am Rande; das Eigentliche kam nicht zur Entfaltung. Erst jetzt in diesem Augenblick, da es nicht mehr weiter geht, erst da kann ich mich als Mensch verwirklichen. Der Strom des Lebens – aus dieser Ganzheit erscheint das Bild eines gewaltigen Stromes -, der gewaltige Strom des Lebens staut sich vor dem inneren Blick zu einem Meer des Seins. Nicht mehr fließen die Gewässer des Lebens ab nach den verschiedensten Richtungen und in dem Bett der Zeit, sondern jetzt ist alles bleibend. Und jetzt ist der Mensch endlich – ein seltsames Wort, das dann hier auftaucht. Jetzt geht es nicht mehr weiter in die Offenheit der Leere der Zeit, in die ja unser Leben ständig abfliegt; jetzt ist völlige Gegenwart und damit erstehend das, was man die ewige Ruhe nennt.

In diesem Augenblick des Vorgangs weiß der Mensch überhaupt erst, was es bedeutet hat, dass er atmen konnte, jetzt atmet er zum ersten Mal wirklich, so dass er die ganze Tiefe des Atems erlebt, beim Einatmen wie beim Ausatmen. Alles das vollzieht sich in einem geistigen Bereich, aber es vollzieht sich genau in der Weise wie innerhalb des Leibes, nur in einer anderen Dimension.

Während der im Tode Seiende dieses Atmen ausprobiert – so muss ich es beinahe nennen -, es versucht und sich hineintastet, erfährt er dieses unvorstellbare Glück, dass das Einatmen nie enden muss und dass nur die Trunkenheit des Glückes den Einatmungsprozess umwandelt in den Ausatmungsprozess. Das Bedürfnis, auf das unbeschreibliche Glück mit einem ebenso unbeschreiblichen Dank zu antworten, der in den Aus-Atem gelegt wird, nur das veranlasst den Menschen auszuatmen. Und indem sich dies vollzieht, erkennt er überhaupt erst, dass alle Beengung weg ist, die Beengung durch den Leib, die Beengung durch das Gegenständliche, der Kultur, der Natur.
Alles ist letzte Weite und Freiheit geworden, und zugleich entsteht eine Tiefe bis zum letzten Grund.

Es geschieht ja etwas Ähnliches wie bei einer Geburt, denn auch bei der Geburt wird der Mensch aus der Enge des mütterlichen Schoßes auf eine sehr gewaltsame Art hinausgepresst in das Unheimliche. Er wird gezwungen, das Beschützende, Behütende, das Sichernde zu verlassen, die Welt des Traumes, die Welt, in der keine Notwendigkeit des Bewusstseins war. Er wird buchstäblich wie eine Ware an die Welt ausgeliefert und vom ersten Augenblick ab vom Untergang bedroht. Aber wir wissen, dass zugleich sich ihm eine Welt des Lichtes, der Schönheit, der Buntheit, der Vielfalt und nicht zuletzt der Liebe eröffnet, was jeden Schmerz der Geburt ihm tausendfach ausgleicht.

Ähnliches geschieht im Tod. Der Tod treibt uns gewaltsam aus der Enge des Leibes heraus, auch natürlich aus der Bedrängung der Welt. Und in diesem Augenblick gewinnen wir diese neue Beziehung zu dem Wesen der Weite den Weltalls, ohne Enge, ohne Bedrängung, ohne Begrenzung. Einerseits also ein Untergehen aus der Welt des Etwas, der vielen Etwas in die Welt des Nichts durch den gewaltsamen Entzug der Leiblichkeit; andererseits ein Untertauchen in die Tiefe der Welt bis zu ihrem letzten Grunde.

In der Mysterienbibel Deutschlands, in den Grimm’schen Märchen, gibt es dafür ein wunderbares Beispiel, nämlich das Märchen von der Frau Holle. Zwei Schwestern: Die eine, durch die Not und Bedrängung ihrer Existenz ganz in die Innerlichkeit geworfen, stürzt sich in die Tiefe des Weltenbrunnens und erwacht zu dieser geschilderten Welt voll von Glück. Die andere, vollständig vermaterialisiert (würden wir zeitgemäß sagen), vollzieht dasselbe in ehrgeiziger und neugieriger Nachahmung und erfährt den Fluch. Das heißt, wie ein Mensch natürlich im Leben an den Dingen vorübergehen kann, eingebunden und eingeschränkt in die dunkle Sicht seiner Seele, ohne Auge für das Licht und die Schönheit des Daseins, so kann ein Mensch auf der anderen Seite an dem vorübergehen, was ich jetzt geschildert habe. Und darum ist es so wichtig, dass man sich für diese Christuswelt innerlich vorbereitet.

In diesem letzten Grunde, der sich an dieser Stelle eröffnet, ist wiederum der Christus, der Auferstandene, für den Menschen zu finden. Jetzt ist das wundervoll Erfüllende und auch Bedrängende des ersten Rauschzustandes der
großes Ruhe gewichen, und der Mensch erfühlt die Heimat, in die er gelangt ist. Nicht mehr wird er von dieser wunderbaren atemlosen Neugier für das Weltall weitergetrieben, mit eiligem Schweben durch die unendlichen Räume sich bewegend, sondern jetzt verharrt er in der Tiefe und Stille und Ruhe. Und plötzlich sieht er, wie er, wo immer er sich hinwendet, alledem gegenübertritt, wonach er in der Tiefe seiner Sehnsucht im Leben verlangt hat. Was er immer schon geahnt hat, wonach er eigentlich immer strebte, was er zuletzt auch in jeder Liebesbegegnung gesucht hat, all das tritt ihm nun aus dem Christus entgegen als sein eigentliches Verklärungsbild. Der Mensch erlebt seine Verklärung. Es ist, wie wenn er in einen Spiegel sähe – der Christus wie ein Spiegel – und aus diesem Spiegel nun ein vollkommen verwandeltes, aber das eigentliche und wahre Bild auftauchte. Der Mensch nimmt seine eigene Göttlichkeit wahr.

Nach diesem Erleben und der gewissen Gelöstheit, die hier dann eintritt, versucht der im Tode Verweilende gewissermaßen den Blick auf Christus zu richten – es ist das schwer auszudrücken, weil er ihn ja vorher auch schon gesehen hat, aber jetzt ist es etwas ganz anderes. Er will den Christus wahrnehmen und erlebt, wie also der Christus in der Mitte des Weltalls steht, die Arme ausgebreitet als Ausdruck der allumfassenden Liebe, in der alles seine absolute Bejahung findet. Zugleich wirkt das Auge des Auferstandenen wie winkend, in einer wunderbaren Weise den Menschen einladend, zu ihm zu kommen. Ein unbeschreiblicher Vorgang, der sich auch mit irdischen Worten nicht ausdrücken lässt, weil der Mensch den Eindruck haben muss, dass er zum ersten Mal erfährt, dass ein Wesen sich vollkommen für ihn bereit macht.

Es gibt natürlich in dieser jenseitigen Welt kein Gericht. Der Auferstandene duldet kein Gericht. Es gibt wohl eine Aufrichtung durch das Einströmen der Sicht, zugleich des Heilenden in das ganze Wesen des Menschen. Es ist etwas, was ich sehr unzulänglich ausdrücke, ich bin mir dessen bewusst. ich bitte Sie also an dieser Stelle bei diesem Satz uns besondere Nachsicht.

Und auch das muss uns ja klar sein, dass jeder Mensch diese Begegnung erfährt, denn der Tod betreibt keine Selektion. Gleichgültig ob es ein Heide ist oder ein Christ oder ein Moslem oder ein Jude, ob ein Genie oder ein Schwachsinniger, ob ein Kind oder ein Greis; es ist ganz gleichgültig, jeder erfährt diese Begegnung. Das heißt noch nicht, dass jeder dasselbe daraus macht. Und was ich schon vorher andeutete bei der Zitierung des Märchens, das sei hier wiederholt: Es kommt eben wirklich darauf an, dass man während seines Lebens sich allmählich auf diesen Augenblick hin orientiert und sich damit befasst, um dann, ganz um des eigenen Glückes und der eigenen Seligkeit willen, nachher nichts zu versäumen.

Für viele Menschen ist es im Tode etwas ganz Überwältigendes, dass sie sofort wahrnehmen, dass es eine Welt ohne Leid und ohne Leiden ist, weil der Mensch dort nie falsch ist, sondern immer richtig, an der richtigen Stelle, und darum aus der eigenen Erkenntnis heraus immer in dem Einverständnis. Und darum gibt es dort kein leid und kein Leiden.
Das wird nun dadurch besonders unterstützt, gefördert, gehalten, getragen, dass der Mensch sich überall vom Göttlichen umweht fühlt. Es ist effektiv so, dass der Mensch im Tode Gott sieht, Gott schmeckt, Gott hört, denn die Sinne sind ja da. Die Sinne sind nur irdisch fixiert in dem, was wir die leiblichen Sinne nennen. Die Sinnenhaftigkeit des Menschen ist etwas Geistiges. Es ist buchstäblich so, dass der Mensch im Tode Gott isst und trinkt, schmeckt, sieht und hört. Aber zugleich in das für den Sterblichen so Ungeheure dabei, dass er dieses Göttliche, das ihn da umweht, als vollständige Gegenwart erkennt. In dem berühmten Tersteegen’schen Lied heißt es ja: „Gott in gegenwärtig“.
Das ist hier etwas absolut Reales. So wie wir etwa hier die Luft als vollständige Gegenwart erleben, so in dort das Göttliche, aber eben als Göttliches gewusst, vollständig gegenwärtig.
In diesem Gegenwartserlebnis des Göttlichen erfährt der Mensch nun eine Steigerung des Gefühls, das er schon besaß, nämlich seiner Schrankenlosigkeit und seiner Grenzenlosigkeit. Das ist etwas, in das sich der Mensch erst hineinleben muss, denn es ist ja etwas Überwältigendes, und wir sind von diesem Dasein her durchaus nicht daran gewöhnt. Das Erstaunliche ist für den Menschen dann, dass die Sinne vollständig Geist geworden sind und das Sehen sich in etwas Unglaubliches verwandelt: Sehen wird zugleich Wissen. Das ist nicht ganz richtig, wenn ich es so ausdrücke, denn Sehen ist dort Wissen, aber man erlebt zugleich diese Verwandlung des Sinnesorganismus.
Sehen wird Wissen, Hören wird Verstehen end Vernehmen, jede Berührung wird ein Erkennen des Innersten, des Sinnes, der Wahrheit und Wirklichkeit.
Der Raum schwindet vollkommen. Wir sind überall da, wohin uns unsere Liebe und unsere Sehnsucht zieht, Nicht wir müssen dahin, sondern wir sind Im Augenblick da. Und das heißt nun für den Menschen im Rückblick auf seine irdische Existenz: Er in immer im Glück.
Unsere Existenz ist vollkommen vergeistigt, aber nicht in der Trennung von dem Sinnlichen, sondern erfüllt mit der Köstlichkeit unserer Erdensinne, die aber vervollkommnet sind. Jeder Mensch weiß es, so und so oft erfährt er es, plötzlich nimmt er es wahr, vergisst es wieder, weil er sich in den Strom der Gewohnheit begibt wie mit allem. Aber es kommen die Augenblicke, da er plötzlich entdeckt, wie er merkwürdig verändert riecht oder schmeckt und für einen Moment eine Steigerung empfindet. Nun ist es gar nicht schwer, das zu denken, dass sich die Sinnesfähigkeit in das Unbegrenzte steigert und wir also mit einer höchsten geistigen Sehkraft, Hörkraft, Geruchskraft, Geschmackskraft, Berührungskraft ausgerüstet werden und eine Funktion zustandekommt, die uns hier in der Begrenzung des Irdischen vollkommen unvorstellbar ist.

Wie werden in der Auferstehung – denn das ist ja der Augenblick der Auferstehung -, wir werden in der Auferstehung nicht etwa vergeistigt, sondern wir erlangen das vollständige Menschentum. Alles, was im Irdischen begrenzt, gefesselt, gebunden ist, wird gelöst und entbunden und seiner Eigentlichkeit zugeführt.
Und während dies alles sich ereignet, erfahren wir, erkennen wir, erleben wir, wie das ganze Weltall in uns, jeweils im Einzelnen, zusammengefasst ist. Wiederum etwas, was sich der sterbliche Mensch kaum vorstellen kann, was aber dort zu einer selbstverständlichen Wirklichkeit wird: Der Mensch birgt das ganze Weltall in sich, und er weiß, dass er Mittelpunkt und Ziel der Weltentwicklung ist. Der Mensch wird zur Wohnung des Absoluten, Gefäß des nun wirklich im umfassenden Sinn heiligen Geistes.
Im Todesaugenblick ersteht, aufersteht die Eigentlichkeit des Menschen, und das Ende des irdischen Lebens ist der Beginn des wahren Lebens.

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Hermann Weidelener (21.4.1903 – 17.11.1972) wurde in St. Bartolomae (Schwäb. Alb) als dritter Sohn des evangelischen Pfarrers Ernst Max Weidelener geboren. Er studierte nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums Philosophie, Theologie und Musikwissenschaften in Tübingen, Berlin und Rostock. 1924 schloss er sich der von Rudolf Steiner begründeten religiösen Erneuerungsbewegung an, in der er bald eine führende Funktion einnahm. Zuletzt übte er diese Tätigkeit in Augsburg aus, löste sich aber 1933 von der Anthroposophischen Gesellschaft und gründete die Religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft, die er bis zu seinem Tode leitete. Nach 1933 verfolgte ihn das nationalsozialistische Regime mit Arbeitsverbot und Haft. Nach dem 2. Weltkrieg sah H.W. seine Aufgabe darin, über den materiellen Neubeginn hinaus auf eine geistige Erneuerung hinzuarbeiten. Neben seinen Hauptarbeitsgebieten: Religionsphilosophie, Mythos, Sprachphilosophie und Forschungen zu einer zeitgemäßen Sicht des Neuen Testaments – entwickelte er die Meditation zu einem zentralen Element geistiger Erkenntnis. Meditation wird hier als Mittel aufgefasst, zu der Mitte vorzudringen, die „Ich“ in Wirklichkeit bin und dem Versuch, von dieser erfahrenen Mitte aus, Seele und Leib mit Bewusstsein zu durchdringen und zu einer ganzheitlichen Lebensgestaltung zu gelangen.

Der Vortrag wurde an Ostern 1970 in Augsburg gehalten. Der Abdruck erschien anlässlich des 100. Geburtstags von Hermann Weidelener in NOVALIS März/April 2003

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