13.01.2012

Alfons Rosenberg – religiöser Außenseiter und charismatischer Ökumeniker

Gerhard Wehr

Wer sich an der Wende zweier Jahrtausende nach vorausschauenden, wegweisenden und impulsgebenden Gestalten des geistig-religiösen Lebens umsieht, der rechnet in der Regel damit, dass ihm in erster Linie die Namen von Männern und Frauen genannt werden, die bereits im Bewusstsein vieler beheimatet sind. Etwa berühmte Theologen, religiös und karitativ Wirkende, die in Wort und Schrift eine große Ausstrahlungskraft bewiesen haben; eben Menschen, die „man“ kennt, die im Gespräch sind und von denen man Richtungsweisendes erwarten zu können meint.

Daneben gibt es auch andere, die zu ihren Lebzeiten nicht oder kaum ins Rampenlicht der öffentlichen Diskussion getreten sind, Menschen, die zwar ebenfalls ihre Stimme erhoben haben, denen es aber offensichtlich nicht gegeben war, die wohlwollende Aufmerksamkeit der gerade dominierenden Autoritäten in Theologie und Kirche auf sich zu richten. Als „religiöse Außenseiter“ pflegt man – mit einiger Geringschätzung – solche Personen zu bezeichnen, auch wenn sie Erwägenswertes verlauten ließen, was jedoch offensichtlich nicht dem allgemeinen „Trend“ entsprach.

Einer von ihnen ist Alfons Rosenberg: der vielseitige spirituelle Schriftsteller, der Symbolkundige, ein Ökumeniker des Geistes, ein mit dem Charisma der Zukunftsschau ausgestatteter weltoffener Christ.

Auch wenn er als Vortragender und als Meditationslehrer nur eine relativ kleine Gemeinde von Freunden und Weggefährten um sich zu scharen vermochte, so hat er doch als Autor Ungezählten die Tiefendimension der Wirklichkeit erschlossen und für den eigenen Innenweg mancherlei praktische Anregungen vermittelt. Wer heute eines seiner Bücher zur Hand nimmt, der kann sich von der fortwirkenden Strahlkraft seiner Gedanken überzeugen. Allein schon dies rechtfertigt es, dass man sich in veränderter Zeitlage seines Schaffens erinnert und durch seine Gedanken anregen lässt.

Alfons Rosenberg, der einer begüterten jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte, wurde 1902 in München geboren, im 84. Lebensjahr stehend verstarb der bis ins hohe Alter Tätige 1985 in Zürich. Überaus bewegt und wechselvoll gestaltete sich seine Entwicklung zunächst als Maler, als Tänzer, als Kunsthandwerker und Bauer, ehe er 1949 zum Schriftsteller in Bereichen der Geistes- und Religionsgeschichte wurde. Damit entging er der familiären Bestimmung, die Leitung der großen Schuhfirma seines früh verstorbenen Vaters zu übernehmen. Von sich selbst sagt der Autor: „Erst nach der Mitte meiner bisherigen Lebenszeit wandte ich mich dem Schreiben zu. Bis dahin wirkte ich als Malergraphiker aus der Schule von Paul Klee und Wassily Kandinsky. Die Brücke vom Malen zum Schreiben bildete für mich die Symbolforschung. Denn ich war Ende der zwanziger Jahre, nachdem der Expressionismus ausgeglüht war, auf das Urphänomen Symbol gestoßen, in dem ich das Sinnliche und das Geistige, das Äußere und das Innere vereint fand. Diese Entdeckung wurde sodann das Fundament meiner gesamten schriftstellerischen Arbeit: das Symbol als Zeichen der Viel-Einheit.“

Politisch begeisterte er sich im München der frühen zwanziger Jahre für die Ideale der bayerischen Räterepublik. Früh zerstoben jedoch seine sozialistisch-utopischen Jugendträume. Sie hielten der Realität nicht stand. Der knapp Siebzehnjährige war am 21. Februar 1919 am Münchner Promenadeplatz Zeuge des Attentats auf den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner geworden. Unter der Überschrift „Der Tod eines Volkstribuns“ hat Rosenberg diese Begebenheit in seiner Autobiographie Die Welt im Feuer geschildert.

Ehe die Nationalsozialisten in den 30er Jahren seine Flucht in die Schweiz erzwangen, arbeitete er von 1925 an in strenger Arbeit als Bauer und Handwerker auf der im oberbayerischen Wörthsee gelegenen Insel Wörth. Schon während dieser Zeit, in der er das Neue Testament für sich entdeckte, fand er Zugang zu den im Symbol niedergelegten spirituellen Traditionen der Menschheit, angefangen bei der Astrologie als einer Möglichkeit, von der sinnenhaften Anschauung zu den Tiefenschichten von Sinn und Bedeutung im Gang der Menschheitsgeschichte vorzustoßen:

„Einer meiner ersten Versuche hierzu war eine Art Geistesgeschichte der Astrologie ‚Zeichen am Himmel‘, mit der Absicht, die Gnosis der Astrologie mit dem christlichen Glauben zu versöhnen. Diesem Werk folgte die Biographie des einst berühmten, dann vergessenen evangelischen Pfarrers Friedrich Oberlin, Sozialreformer, Pädagoge und Jenseitskundiger im Steintal der Vogesen. Sie wurde ergänzt durch die ‚Seelenreise‘, eine Sammlung von Dokumenten über das jenseitige Leben und dessen Wandelzustände aus dreitausend Jahren. Die Kult- und Wirkungsgeschichte des Erzengels Michael in dem Buch Michael und der Drache war der Vorläufer des zehn Jahre später veröffentlichten grundlegenden Engelbuches Engel und Dämonen, in das auch noch die Engel der Gegenwartskunst (Klee und Chagall) einbezogen waren.“

Im Schweizer Exil, das ihm bis zu seinem Lebensende zur Wahlheimat geworden war, trat er in einen vielfältigen geistigen Austausch mit profilierten Gleichgesinnten, die sein Schaffen in mehrfacher Hinsicht bereicherten. Die Freundschaft mit Olga Fröbe-Kapteyn, der Initiatorin der im Jahre 1933 eröffneten internationalen Eranos-Tagungen in Ascona am Lago Maggiore, ermöglichte ihm beispielsweise die Begegnung mit C.G.Jung. Er wurde ihm ein Vorbild und ein Lehrer, ebenso der Jesuit Hugo Rahner, der als der Begründer und Wiederentdecker einer die antiken Traditionen integrierenden christlichen Symboltheologie gelten kann. Dessen Werk Griechische Mythen in christlicher Deutung gab Rosenberg noch in seinem letzten Lebensjahr mit einem einfühlsamen Vorwort versehen heraus. Darin heißt es: „Die mythische Welterfahrung schlug allenthalben durch und gelangte durch Hölderlin und Novalis zu erneuter Gestalt. Heute – man schreibt das Jahr 1984 – ist es nicht anders. Während die Menge und das Gros der Wissenschaftler noch in der Brühe des Aufklärlichts schwimmt, sind einige von ihnen diesem entstiegen, so Walter Heitler, Adolf Portmann, Joachim Illies, Carl Friedrich von Weizsäcker oder die großen Mythologen dieses Jahrhunderts wie Walter F. Otto, Karl Kérényi, Dichter wie Erhart Kästner, Werner Bergengruen und Theodor Däubler, um nur wenige Beispiele zu nennen.“

Man wird nicht fehlgehen, wenn man behauptet, dass der Weg Alfons Rosenbergs durch innere Erfahrungen bestimmt war, die ihn an die esoterischen Überlieferungen der Menschheit heranführten. Seine bereits in jungen Jahren vollzogene Konversion vom Judentum zum Christentum entsprach einer inneren Begegnung mit Christus, die über das konfessionelle Kirchentum, den Protestantismus und den römischen Katholizismus, hinausweist. Jesus, der Jude Jeschua aus Nazareth, und die Wirkmacht des kosmischen Christus sollten lebenslang das Denken und Schaffen Alfons Rosenbergs bestimmen. Bei seiner Spurensuche stieß er aber auch auf ein vielgestaltiges Geistesgut mystisch-gnostischer Prägung, das er als Herausgeber und als vermittelnder Autor in einem Augenblick der Gegenwart zu vermitteln vermochte, als die Zeit dafür noch nicht reif zu sein schien, etwa in den fünfziger und frühen sechziger Jahren dieses Jahrhunderts. So betreute er unter anderem die im Münchner Otto Wilhelm Barth Verlag zwischen 1954 und 1960 erschienene zwölfteilige Buchreihe „Dokumente religiöser Erfahrung“.

Auf diese Weise machte er weithin vergessene Texte von neuem zugänglich, die als Belege für die lange vernachlässigte esoterische Dimension des Christentums gelten können. Unter ihnen beispielsweise Schriften des mittelalterlichen Sehers Joachim von Fiore oder die Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz, einen der Grundtexte des neuzeitlichen Rosenkreuzertums. In seinen Erläuterungen ging es ihm darum, das lange unbeachtet gebliebene spirituelle Traditionsgut mit Erfahrung und Einsichten der Gegenwart in Verbindung zu bringen und suchenden Zeitgenossen zugänglich zu machen. Er hatte gesehen, dass Geschichte nicht geradlinig verläuft, sondern dass in ihr spiralförmig erscheinende Zyklen aufeinander folgen. Auch sei in jedem Augenblick insgeheim schon ein Zukünftiges enthalten, das zur Manifestation drängt. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete er immer wieder auf ein qualitatives Zeitverständnis und auf bevorstehende Entwicklungsmöglichkeiten der Christenheit: „Beunruhigt durch den Einsturz der abendländischen Wertordnung, mit dem Wunsche zu klären, was dem vergehenden Aeon, was dem in die Zukunft weisenden Werden unserer gegenwärtigen Zustände angehört, erneuerte ich in dem Werke Durchbruch zur Zukunft (1958) die bis in die Antike zurückreichende Weltalterlehre und gelangte dadurch zu fundamentalen Erkenntnissen, die mir eine Prognose für die nächsten Jahrhunderte der europäischen Geschichte erlaubten.

– Eine ungeheure Erweiterung meines geistigen Horizontes wurde in mir schließlich durch die Begegnung mit dem Werk Wolfgang Amadeus Mozarts bewirkt. Ein neues Mozartbild liegt meiner Deutung der ‚Zauberflöte‘ (1964) und danach des ‚Don Giovanni‘ (1968) zugrunde.“

Solche kultur- und geistesgeschichtlichen Studien ergänzte Rosenberg durch seine ungefähr gleichzeitig einsetzende Beschäftigung mit der Meditation, speziell mit der Meditation des Kreuzes als eines universellen, gesamtmenschheitlichen Symbols sowie der Christlichen Bildmeditation, die er 1955 im gleichnamigen Werk zur Darstellung brachte. Vorbereitet und praktisch eingeübt wurde das meditative Geschehen im Rahmen von zahlreichen Kursen. Der frühe Beginn dieser Tätigkeit zeigt, dass Alfons Rosenberg zu den Wegbereitern der christlichen Meditationsbewegung gehört. Eine ausgedehnte Vortragstätigkeit ergänzte sein schriftstellerisches Schaffen. Der Kreis seiner Schüler und Freunde erhielt von 1958 an die mit einer gewissen Regelmäßigkeit ausgesandten „Flugblätter … Aus der Werkstatt von Alfons Rosenberg“. Es handelte sich um Aufsätze, Mitteilungen und Entwürfe, durch die er aus seinem Schaffen berichtete und über ausgewählte Stationen seines Lebenswegs von Fall zu Fall Rechenschaft ablegte. Auf die Frage, was seinem Tun und den einzelnen Themen seiner zahlreichen Publikationen gemeinsam sei, pflegte er einmal zu antworten: „Meine Bücher blicken alle von der Grenze, dem irdischen Leben, auf die Mitte der Einung und des Friedens. Und diesem Bezug wollen sie dienen.“

Aufgrund der Einsicht, dass die uns zugestandene Zeit nicht allein eine messbare und damit quantitative Größe darstellt, beschäftigte sich Rosenberg mit dem qualitativen Charakter der Zeit, das heißt mit ihren rhythmischen Gesetzmäßigkeiten und Wandlungsvorgängen, mit der Abfolge von Zeitperioden und Weltaltern. In dem erwähnten Buch Durchbruch zur Zukunft hat er 1958 erstmals wesentliche Ergebnisse seiner Studien in einem größeren Zusammenhang niedergelegt. Da heißt es: „Die Gegenwart, der wir verpflichtet sind, kann heute und niemals nur aus sich selbst begriffen werden. Sie aber nur zu erleiden genügt nicht. Der Mensch ist ein von Gott absichtsvoll in die Welt gesetztes Wesen, darum sind ihm Setzungen, Sinngebungen aufgetragen – und ohne solche, die ihn erst in den größeren Zusammenhang einreihen, verdirbt das Werk seiner Hände. Gerade weil nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft Quelle der Gegenwart ist, erweist es sich als notwendig, dass sich der Mensch in schöpferischer Überschau über die Gegenwart erhebt und es unternimmt, Entwürfe für die Zukunft bereitzustellen, sei es als rationale Konstruktion oder als irrationale Utopie, deren geschichtsbestimmende Macht sich heute erneut beweist. Wird solches versäumt, besteht die Gefahr, dass der Mensch es nicht mehr vermag, die Gegenwart auf die Zukunft hin zu gestalten.“

Sieht man einmal von den weit ausholenden Darstellungen und Prognosen ab, die Rosenberg in seiner Entfaltung der traditionellen Weltalter-Lehre unternommen hat, dann ist es vor allem der Ausblick, der sich ihm auf die Zukunft der Christenheit ergeben hat. Er spricht geradezu vom „Experiment Christentum“, das den ebenso wachen wie zukunftserschlossenen Menschen in der Nachfolge Christi heute aufgetragen und zugetraut sei. Der Publizist Hans Jürgen Schultz veranstaltete vor vier Jahrzehnten im Süddeutschen Rundfunk ebenso umfängliche wie perspektivenreiche Sendereihen, die er unter die Überschrift „Kritik an der Kirche“, über christliches Ketzertum sowie über „Frömmigkeit in einer weltlichen Welt“ stellte. Alfons Rosenberg gehörte nicht nur lange Jahre hindurch zu seinem illustren Mitarbeiterkreis, sondern er trat seinerseits mit Entwürfen an die Öffentlichkeit, in denen er darlegte, inwiefern die Christenheit eine Übergangsphase zweier Zeitalter durchzustehen habe und worauf sie sich einstellen müsse, wenn sie den an sie gerichteten Herausforderungen gewachsen sein wolle.

Mit bloßer Kritik an äußeren Formen des Kirchentums begnügte sich Rosenberg ebenso wenig wie mit einem Aufruf zu einer moralischen Umkehr. Sein für die Phänomene geschärftes Auge richtete sich zum einen auf die „Zeichen der Zeit“, deren spirituelle Signatur er zu entschlüsseln versuchte. Zum anderen war er bestrebt, bei seinen Zeitgenossen einen Sinn für das Kommende zu entwickeln, für die wieder zu gewinnende Urgestalt und für die Zukunft des Christentums: „Mir wurde durch langjährige religionsgeschichtliche Studien klar, dass auch ein so mächtiger Baum wie die evangelische Botschaft, die sich in der Kirche ausgefaltet hat, aus vielen tiefreichenden Wurzeln gewachsen ist. Mir wurde immer deutlicher, dass das Christentum kein Monolith ist, sondern aus vielen Quellgründen genährt wurde und noch immer genährt wird. Verleugnet man aber in rechthaberischer Orthodoxie die Nährkraft dieser vorchristlichen Quellflüsse, so entsteht ein abstraktes, in intellektueller Dogmatik erstarrtes Christentum, das es nicht mehr vermag, die Herzen zu ergreifen und Begeisterung zu erwecken. Meine Mitgift aber war, als ich – aus dem Judentum kommend – zur Kirche heimfand, die Wiederherstellung der Quellflüsse, aus denen sich die Kirche einst öffentlich nährte, aber auch heute noch insgeheim nährt.“

Mit diesen Worten aus seiner Autobiographie Die Welt im Feuer – Wandlungen meines Lebens ist bereits angedeutet, worin Rosenbergs Beitrag zum „Experiment Christentum“ zu bestehen hatte. Da ist zunächst einmal nüchterne Bilanz zu ziehen. Der Autor überblickt die letzten beiden Jahrhunderte, in der das Christentum in einer sich erweiternden Welt „nicht mitgewachsen“ sei. Wer wie er über einen „Durchbruch zu einem reicheren, größeren Leben, zum umfassenden Christus“ nachdenkt, der wird sich der spirituellen Enge und Eingeschränktheit der Konfessionskirchen sowie deren rückwärtsgewandten hierarchischen Herrschaftsstrukturen bewusst.

Er muss auf Ausblicke und auf Wege sinnen, die ins Offene weisen. Rosenberg dachte über eine „Strukturänderung von Glaube und Kirche“ nach. Dabei kam ihm die besondere Fähigkeit zustatten, die Symbolhaltigkeit der Wirklichkeit zu erfassen. Er schreibt: „Gott tut nicht zweimal das gleiche Ding … Wir ehren heute zwar das Vergangene, bewundern die einstige Größe der Kirche, aber dennoch sind wir im Begriff, von ihrer bisherigen Gestalt Abschied zu nehmen. Auf diesem Wege genügt jedoch nicht die bloße Anpassung der bisherigen Glaubensformen an die neuen Lebensverhältnisse. Das mag vielleicht vordergründig und taktisch richtig sein, doch hindert bloße Anpassung den schöpferischen Akt der Umwertung und Umbildung, der heute von uns gefordert ist. … Es ist darum bereits zu spät, bloß zu reformieren.“

Auf die Frage, wie sich der gemeinte Strukturwandel zur Verdeutlichung ins Bild setzen lasse, antwortet Rosenberg mit einem Vergleich: „Bisher hat sich die Kirche unter den evangelischen Bildern vom Felsen und vom Baum verstanden: als den harten, unzerstörbaren, allerdings auch unlebendigen und unwandelbaren Felsen einerseits, andererseits als den aus einem Senfkorn bis in den Himmel wachsenden Baum des Lebens. Die Gegensätze von Unwandelbarkeit und Wachstum waren bisher die Grundprinzipien der Kirche. Ein drittes evangelisches Symbol trat jedoch noch nicht ins Blickfeld: das bewegliche Netz, das weder unwandelbar ist noch einem Wachstumsgesetz untersteht.“

Auf die Kirche übertragen heißt das: Die Christenheit und der christliche Glaube der Zukunft werden einem solchen Netze gleichen, das – mehr unsichtbar als sichtbar – ins stürmische Meer der Welt versenkt wird, ein Fischernetz von besonderer Art. Die Kirche der Zukunft werde daher nicht länger ein in sich gefügtes, ein statisch-starres Gebilde bleiben können, als das sie sich je nach Konfession und Frömmigkeitsstil darstellt. Sie werde sich einem grundlegenden Wandlungsprozess unterziehen müssen. „Ein Netz ist wesentlich labiler … Fels und Baum haben Gestalt und Schönheit. Dem Netz ermangeln diese. Die Kirche als Fels und Baum repräsentiert durch ihre Erscheinung. Sie kann sich selbst verherrlichen und hat dies in sowohl großartiger wie hybrider Weise im Laufe ihrer Geschichte immer wieder getan. Das Netz aber ist seiner Funktion nach dann am gemäßesten, wenn es unsichtbar wird. Dennoch wird die künftige Kirche auch keine abstrakte ecclesia spiritualis, keine lebensferne ‚Geistkirche‘ sein, denn der Geist manifestiert sich in konkreten Gestalten. Er manifestiert sich nicht als bloße dogmatische Form, sondern als eine lebenerzeugende Dynamis.“

Nun sind im Laufe der Jahrhunderte, auch während der letzten Jahrzehnte immer wieder prophetische Gestalten, „Rufer in der Wüste“, auf den Plan getreten. Die Summe ihrer Einsichten und Erkenntnisse hat sich da und dort nicht immer in spektakulärer Weise ausgewirkt. Das trifft auch auf Alfons Rosenberg zu, der sich bei seinem Tun ein Wort Martin Bubers zueigen gemacht hat.

Es ist ein Wort, das den Kritiker an der in die Krise geratener Kirche wie den in die Zukunft Blickenden auf jedes Erkenntnismonopol verzichten und Bescheidenheit üben lässt. Buber sagt: „Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“

So wollen Rosenbergs Ausführungen zu dem „Experiment Christentum“ als Gesprächsbeiträge und als Fingerzeige verstanden werden. Zunächst eine weitere nüchterne Feststellung: „Die Erwartung der ‚Zukunft des Christentums‘, im Wissen um die Vergänglichkeit der historischen Formen der Kirche, kann sich trotz möglicher sachlicher Argumentation im Grunde nur auf die Verheißung Christi berufen: ‚Himmel und Erde werden vergehen, aber mein Wort wird nicht vergehen.‘ Sich daran erinnernd kann man getrost dem Wandel der Formen des christlichen Glaubens entgegensehen … Wir gehen keineswegs einem idealen Weltzustand entgegen, sondern einem Massenzeitalter, innerhalb dessen sich der einzelne, so sehr für ihn gesorgt wird, nur mit Mühe und Unbehagen wird behaupten können.“

Der Theologe Emil Brunner, ein Weggefährte Karl Barths, dessen Vorlesungen Rosenberg an der Universität Zürich gehört hatte, machte einst darauf aufmerksam, dass die Theologen aus den Traditionskirchen „das Monopol der Christusverkündigung längst verloren“ haben. Die Gültigkeit dieses Wortes steht längst außer Frage. Für Rosenberg drückt sich der notwendige, sich zumindest langsam anbahnende Strukturwandel darin aus, dass die Klerikerkirche ebenso wie die immer noch dominierende Theologenkirche abgewirtschaftet haben. Die hierarchische Exklusivität, die maßlose Überbewertung des Priestertums beim Vollzug der Sakramente, die ethische Bevormundung der Gemeinde im Katholizismus, aber auch die immer fragwürdiger werdende Dominanz einer entspiritualisierten Theologie im Protestantismus stehen im eklatanten Widerspruch zum Evangelium. Ein ganz anderer Wesenszug christlicher Verwirklichung ist für die Zukunft angezeigt:

„Am Ende der Neuzeit wächst aus dem Verborgenen, von der Sehnsucht Zahlloser heraufbeschworen und genährt, eine dritte Weise der Kirche unter uns auf. Ihr Same ist über die ganze Christenheit ausgestreut, ja, es hat den Anschein, als sei er auch teilweise auf die Saatfelder der Nichtchristen gefallen. Es ist dies die Bruder-Kirche – falls die Verbindung von Bruderschaft und Kirche künftig noch angebracht sein wird. Es ist dies die Gemeinschaft der durch Christus als Brüder und Schwestern Zusammengeführten.“

Von daher ergeben sich mancherlei Konsequenzen, die sich in mehrfacher Hinsicht ergänzen müssen. Es sind Folgerungen für die Wiedergeburt des Gottesbildes und der Christusanschauung ebenso wie für die Weise der Schriftauslegung und der Verkündigung, nicht zuletzt aber für das gemeinsame Leben derer, die in Christus zu einer geistlichen Gemeinschaft verbunden sind. Da ist zunächst das Gottesbild als solches, das wie jede menschliche Vorstellung von Zeit zu Zeit der Veränderung unterworfen ist: „Gottesbilder können sterben, wenn sie nicht mehr imaginiert werden können, wenn die inneren und äußeren Voraussetzungen, die ihr Hervorgehen ermöglicht und bedingt haben, geschwunden sind … Gott als Bild, Vorstellung und Botschaft kann nur so lange sinngebend wirken, als er auf das Ganze des Lebens bezogen werden kann … Aber das Gottesbild stirbt, das heißt es verliert seine seelenergreifende Kraft und hört auf, durch numinose Mächtigkeit Menschen zu binden und zu verpflichten, wenn es vom Ganzen abgespalten, zum Beispiel nur noch auf ein Volk oder nur auf die innere Welt bezogen ist. Dann wird Gott unverständlich und schließlich sinnlos. Doch nur, wenn der Mensch die Macht, die sein Leben bestimmt, als sinnvoll erfährt, wird er bereit sein, die ‚Last Gottes’ auf sich zu nehmen und sich in die durch tätigen Glauben sich verwirklichende Gemeinschaft einfügen.“

Von daher fällt Licht auf die Gestalt Jesu. Auch sein Bild, die Vorstellung, die wir uns von diesem in vieler Hinsicht geheimnisvollen und rätselhaften Mann aus Nazareth machen, ist im Gang der Zeiten der Wandlung unterworfen. In seinem Fragment gebliebenem Jesus-Buch Jesus der Mensch widerspricht der selbst aus dem Judentum kommende Autor energisch einer heute wieder gängigen Rejudaisierung des Nazareners. Er widerspricht damit dem nicht allein von jüdischen Schriftstellern unternommenen Versuch seiner „Heimholung in den Geist- und Volksbereich des Judentums, das er auf so nachdrückliche Weise hinter sich gelassen“ hat, und zwar bis in seinen Tod hinein. Welch anderer, welch neuer Aspekt ist dann der Gestalt Jesu abzugewinnen, damit sie, heutigem Bewusstsein gemäß, in einem neuen Licht erstehen kann? Die Antwort lautet: „Es ist nun einmal so, dass die alten Christusbilder verblassen, ein Prozess, dessen Verlauf von Jahrzehnt zu Jahrzehnt beschleunigter verläuft. Große, erhabene Bilder von Jesus sind in den vergangenen Jahrhunderten am Horizont des menschlichen Bewusstseins und der Imagination emporgestiegen. Nun sind sie über die Höhe des Bewusstseins gewandelt und sanken dann unter den abendlichen Horizont wieder hinab. Die Kirche kann jene großen Christusbilder, durch welche bisher Kunst, Ritus, Moral und Sozialverhalten geprägt wurden, nicht mehr glaubwürdig herstellen. Wenn Jesus noch künftig als Leitstern des Menschseins wirken soll, bedürfen wir einer neuen Anschauung der unausschöpflichen Gestalt des großen Menschen.

Ob und wie die Kirche künftig sein wird, ist dabei von sekundärer Bedeutung. Denn Jesus wirkt auch über die Kirche hinaus, aber die Kirche wird ihres Kernes ledig, wenn sie Jesus in ihre alten, einmal gültigen Vorstellungen einsargt.“

Wie verhält es sich aber mit der Bibel Alten und Neuen Testaments? Bedarf nicht auch sie einer neuen Einstellung des Lesers, damit aus den uns überkommenen irdenen Gefäßen etwas von der unerschöpflichen Botschaft von neuem zugänglich werden kann? – Was die Schriftauslegung anlangt, so ist im Laufe von Jahrhunderten ein Höchstmaß an philologischer und technologisch-exegetischer Gelehrsamkeit auf die ältesten Glaubenszeugnisse der Christenheit verwandt worden. Der von der historisch-kritischen Schriftforschung erbrachte wissenschaftliche Ertrag ist das eine. Er förderte jedoch offensichtlich nicht ein inneres Verständnis für das „Wort in den Wörtern“. Er trug vielmehr dazu bei, dass der geistliche Gehalt des göttlichen Wortes mehr und mehr in den Hintergrund trat.

Wie soll die „viva vox Evangelii“, die lebendige Stimme des Evangeliums, zum Menschen sprechen, wenn lediglich nach historischer Echtheit, nach Entstehungszeit und Überlieferungsform gefragt wird? Weil Alfons Rosenberg symbolkundig und im Jung’schen Sinne tiefenpsychologisch geschult sich darin übte, die biblische Botschaft auf sich wirken zu lassen, gewann er Einblicke in die spirituellen Tiefenschichten des Neuen Testaments. Mit Joachim von Fiore, dem mittelalterlichen Seher, lernte er, auf das „ewige Evangelium“ Acht zu haben, das aus den Aufzeichnungen der Evangelisten spricht.

Er fühlte sich mit jenen verbunden, die die esoterische, das heißt die innere Dimension des evangelischen Wortes zuwandten. Es sind dieselben, für die Pistis und Gnosis, also Glaube und Erkenntnis, aufeinander bezogen bleiben. Mit Gnosis ist jedenfalls die der religiösen Erfahrungen angemessene Erkenntnisart gemeint. Daher Rosenbergs These: „Ein – so verstandenes – gnostisches Verständnis, ein Verständnis der Tiefendimension der Evangelien, ihre spirituelle Interpretation scheint der einzige Ausweg zu sein aus dem ‚Gott-ist-tot-Sumpf‘ (vor dem einst der amerikanische Theologe Harvey Cox gewarnt hat) … Die Wiedergewinnung der Ganzheit, der Erkenntnis des Lebens aus der Mitte … ist im übrigen die dringlichste Aufgabe für diese Zeit. Sollte ihre Lösung – wider Erwarten – nicht gelingen, gehen wir der Atomisierung nicht nur der Kultur und der Religion, sondern auch des Menschen entgegen.“

Angesichts des Zerfalls der personalen Beziehung unter den Menschen, auch angesichts der immer bedrohlicher werdenden Pseudo-Kommunikation durch elektronische Medien, die in absehbarer Zeit katastrophale Auswirkungen annehmen dürfte, wird schließlich ein anderer Zukunftsaspekt wichtig. Hatte einst Platon verkündet: „Gott bringt den Freund zum Freunde“, so blickt Alfons Rosenberg prophetisch-sehnsuchtsvoll nach der Heraufkunft der Freundschaft, wie sie im Johannesevangelium verheißen ist: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … Ich nenne euch Freunde, denn alles, was ich vom Vater gehört habe, das habe ich euch kundgetan“, sagt Jesus. Und weiter: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde!“ Und eine der drei Liebesfragen, die der Auferstandene bald prüfend, bald ermunternd an Petrus richtet, lautet: „Phileisme – bist du mein Freund?“ – So geht es um die johanneische Philiá, um die Freundschaftsgestalt menschlicher Beziehung, die als Ziel einer großen Sehnsucht, als einer Lebensnotwendigkeit angesichts der genannten Gefährdungen für die Zukunft christlicher Existenz unverzichtbar geworden ist. Rosenberg bemerkt hierzu: „Zwar hat Jesus die Geschlechterliebe keineswegs abgewertet. Er weiß um ihre fundamentale Bedeutung. Aber dennoch verkündet er über sie hinaus, als Mitte zwischen der Geschlechterliebe und der geistigen Liebe; jene ‚dritte Weise’ der Liebe, den ‚Eros uránios’, der in der Freundschaft menschliche Wirklichkeit wird und in dessen Realisation der Mensch erst zur Fülle seines Menschseins gelangt, zum Frieden mit Gott, mit sich und dem Nächsten.“

Wie diese zwischenmenschliche Beziehungskraft erprobt und ins konkrete Leben übertragen werden kann, lässt sich nicht durch normsetzende Vorgaben bestimmen. Diese Freundschaft, die im Laufe der Menschheitsgeschichte – bald gelingend, bald scheiternd – bereits vielfältige Formen erlebt hat, entspricht einer einzigen großen Einladung zu spirituell-realer Umsetzung. Sie gehört jedenfalls zu jenem in den Blick gefassten „Experiment Christentum“, das mit dem Wandel unseres Gottes- und Christusbildes ebenso korrespondiert wie mit der Bemühung um ein spirituelles Verständnis des Evangeliums.

Wohl ist einzuräumen, dass Jesus als Verkünder und Inbegriff der Philia, dieser Gottes- und der Menschenfreundschaft, bisher nur von wenigen, dafür charismatisch Begabten erahnt und verwirklicht worden ist. Einzuräumen ist ferner, dass das Verlangen nach existentieller Freundschaft seinerseits gefährdet ist, durch Selbsttäuschung wie durch Verkennung jeglicher Art. Und doch hat Alfons Rosenberg Fragen gestellt, Zeichen gesetzt und Hinweise gegeben, die ermutigen. Prüfen wir doch, inwiefern auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend gilt, was er bereits vor dreieinhalb Jahrzehnten niedergeschrieben hat:

„Wir stehen in einer Weltrevolution des Evangeliums und seines Verständnisses, mitten in der Revolution der Liebe – im Anbruch eines Zeitalters der Freundschaft.“

Kommentare

Vielen Dank an Herrn Wehr für diesen
interessanten Artikel!
Der Weg von Herrn Rosenberg scheint mir nicht
für jeden möglich zu sein, ist aber hilfreich bei
der Infragestellung des eigenen Glaubens. Auf
die Wurzeln der biblischen Vorstellungen bin
ich durch ein Buch von dem Theologen Wolfgang
Philipp aufmerksam gemacht worden. Es heißt:
“ Die Absolutheit des Christentums.“
Vielleicht ist dies eine hilfreiche Ergänzung?
Es grüßt Gisela Staut

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