10.01.2012

Die Sophien-Ritter

Natalja Bonezkaja

Die Gestalt des Wladimir Solowjew (1853-1900), jenes Visionärs und Ritters der Himmlischen Sophia, der zugleich herausragender Philosoph und Dichter war, ist eine Schlüsselfigur der neueren russischen Geistesgeschichte. Mit vollem Recht kann man von einem mächtigen Impuls für die russische Kultur sprechen. Solowjew hat die Grundlagen der traditionellen Religion Russlands erschüttert und ein auf seinen persönlichen Sophien­Erfahrungen beruhendes neues Bild des Christentums gezeichnet.

Die erste Welle, die durch das Phänomen Solowjow hervorgerufen wurde, war der russische Symbolismus der ersten ein bis zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts mit seinem allgemein-weltanschaulichen Anspruch (hierin unterscheidet er sich von seinem westeuropäischen Vorläufer, der eine rein ästhetische Erscheinung war). Die entsprechende Epoche wird Silbernes Zeitalter der russischen Kultur genannt.

Aber die Ideen Solowjows lebten auch in den nachrevolutionären Jahren weiter, in der wohl tragischsten Zeit der neueren russischen Geschichte. Gerade damals wurden Versuche unternommen, Solowjows Ideen in die Praxis umzusetzen, sein Bild eines neuen Christentums zu realisieren und die Wirklichkeit der Göttlichen Sophia zu erleben. Innerhalb der religiös ausgerichteten Bildungsschicht erinnerte man sich wieder an Solowjews Hauptideal: die universale Kirche, die mit der Idee der ganzheitlichen Schöpfung eng verbunden ist und eine Widerspiegelung der Göttlichen Sophia in der Welt darstellt. Pläne für Sophien-Vereinigungen wurden entworfen, in denen man Keime für die christlich-sophianische Kirche der Zukunft sah.

Das erste dieser Projekte war eine Bruderschaft der Heiligen Sophia in der Emigration, deren Oberhaupt Sergius Bulgakow (1871-1944)1 wurde, ein Geistlicher und hervorragender russischer Denker, der zugleich ein bemerkenswerter Mensch war.

Eine geistige Sophien-Kathedrale

In den letzten Jahren sind sowohl in Russ­land als auch in der russischen Emigrantenpresse außerordentlich interessante Archivmaterialien veröffentlicht worden – die Tagebücher, die Pater Sergius zu Beginn der 1920er Jahre geschrieben hat, sein Traktat An den Mauern von Chersonis (geschrieben auf der Krim im Dezember 1922 unmittelbar vor seiner Abreise in die Emigration), und auch die Sitzungsprotokolle der Bruderschaft der Heiligen Sophia sowie der Briefwechsel von deren Mitgliedern (2). Diese Texte offenbaren uns ein neues Antlitz von Pater Sergius – das eines christlichen Mystikers – und präsentieren mit der Geschichte der Bruderschaft den ersten Versuch von russischen Intellektuellen, in der Emigration eine geistige Sophien-Kathedrale zu erbauen.

Die Quellen für diese Organisation finden sich in Russland. Die Personen, die später die Bruderschaft gründeten, hatten für ihr Werk 1919 den Segen von Patriarch Tichon (3) empfangen. Zu dieser Zeit waren im christlichen Russland deutlich zwei religiöse Typen, zwei verschiedene geistige Haltungen hervorgetreten – eine sophianische und eine a-sophianische (4).

Diese Einteilung gab es jedoch schon früher (5). So hatte zum Beispiel der genial-scharfsinnige Dostojewski in seinem Roman Die Brüder Karamasow das Christentum des Starez Sossima, das die Welt der Geschöpfe liebend annimmt, der „monophysitischen“ Askese des Mönches Ferapont gegenübergestellt. Das „a-sophianische“, „unweltliche“ Christentum konnte sich auf einen Jahrhunderte alten Weg, eine ausgearbeitete geistige Praxis und Myriaden byzantinischer, syrischer und russischer Heiliger berufen; die „sophianische“ Tendenz dagegen verkörperte sich in einzelnen meist schöpferischen Persönlichkeiten, in deren geistiger Erfahrung es äußerst schwierig ist, irgendwelche gemeinsame Merkmale zu entdecken.

Die Vertreter des sophianischen Christentums betrachteten ihre Weltanschauung als „kosmische“; sie bestanden auf dem absoluten Wert der einzelnen Person und verbanden die religiöse Dimension mit der als göttlich aufgefassten Schöpfung und mit kulturellen Werten. „Das ist der Menschentyp, der den Glauben und die Ergebenheit an die Kirche verbindet mit Liebe und positiver Bewertung des Wissens, der philosophischen Kultur und der geistigen Freiheit“, schrieb der russische Philosoph Semjon Frank (6), Mitglied der Bruderschaft der Heiligen Sophia, über die „sophianischen“ Christen. Diesen ging es gerade nicht um eine einfache Koexistenz von Gottesglauben und Liebe zu Musik und Dichtung in der Seele, sondern darum, die religiöse Tragweite der künstlerischen Tätigkeit anzuerkennen. Kreatives Schaffen bedeutete für sie einen der Wege zu Gott, Genialität eine Art von Heiligkeit.

Die Blüte des Silbernen Zeitalters in der Emigration

Es war die Blüte der russischen Kultur des Silbernen Zeitalters, die in die Emigration gegangen war und dort die Bruderschaft bildete: der existentialistische Philosoph N. Berdjajew, der brilliante Theologe G. Florowski, der Metaphysiker N. Losski, der Kirchenhistoriker A. Kartaschow… Ihren Büchern verdankten wir Studenten der 1970er Jahre, dass wir im sowjetischen Russland zum Glauben finden und seine Wahrheiten studieren konnten; aus ihren Händen empfingen wir das Christentum in jener Gestalt, die es im 20. Jahrhundert nur haben konnte: voller tragischer Dissonanzen, neue Wege zu Christus einschlagend, eine verfeinerte Seele fordernd und ebenso die Fähigkeit zu intim-tiefem und herzlichem Umgang mit dem Nächsten.

Heute besteht für uns die Aufgabe, sich in diese Tradition einzureihen, sie zu unterstützen und zu bereichern – freilich gemäß unseren Kräften, wobei jene Kluft zu berücksichtigen ist, die diese hervorragenden Vertreter der alten russischen Kultur, die noch eng mit der Weltkultur verbunden war, von uns, die wir uns mit großen Anstrengungen den Weg aus dem Dunkel der Sowjetzeit zum Licht bahnen, trennt.

Die Vorgeschichte der Bruderschaft

Bulgakows Leben in Russland war, außer mit Orlowschtschina, Moskau und Kiew, eng mit der Krim verbunden: 1898 heiratete er Jelena Tokmakowa, die aus dem kleinen Ort Koreïs (in der Nähe von Jalta) stammte und die Tochter des Weinhändlers I. Tokmakow von der Krim war. Die Sommermonate verbrachte er auf dem Gut seiner Schwiegereltern. Auf dem Friedhof von Koreïs ist Bulgakows Sohn Iwaschetschka (1905-1909) begraben (7). In Verbindung mit dem Tod dieses engelgleichen Kindes durch Nierenentzündung erlebte Bulgakow eine religiöse Offenbarung (die etwas vom Opfermysterium des Göttlichen Vaters wiederspiegelt) und kehrte von marxistischen Bestrebungen zum Glauben seiner Vorfahren zurück.

Am zweiten Pfingstfeiertag des Jahres 1918 – als die Revolution ihren Höhepunkt erreicht – wird Bulgakow mit dem Segen des Patriarchen Tichon zum Priester geweiht. Zwei Wochen später reist er zu seiner Familie auf die Krim. Der für einen Monat geplante Aufenthalt verlängert sich, da er wegen des Bürgerkrieges trotz aller Bemühungen nicht nach Mos­kau zurückkehren kann. Eine Zeitlang hält er Vorlesungen an der Universität Simferopol, wird aber wegen seines Priestertums entlassen. Wie durch ein Wunder gelingt es ihm, in der Alexander Newski-Kathedrale in Jalta eine Stelle zu bekommen, und so zieht er mit seiner Familie in das Haus neben der Kathedrale (8). Bis zu seiner Verhaftung im Oktober 1922 übt er in der Kathedrale sein Priesteramt  aus.

Während der Haft wird er als Priester, der die Beichte abnimmt, Zeuge der schrecklichen Leiden, die diesen Menschen in den Jahren des Krieges und des Zusammenbruchs angetan wurden. Von den geistigen Erlebnissen Bulgakows, von seinem tiefen Gefühl der Schuld und des eigenen Unwürdigseins berichtet uns sein Tagebuch aus Jalta.

Die Regierung beschließt, Bulgakow aus Russland auszuweisen, und so reisen er und seine Familie am 30. Dezember 1922 mit dem Dampfer von Sewastopol nach Konstantinopel.

Somit hat Bulgakow unmittelbar vor dem Verlassen seiner Heimat vier Jahre lang ununterbrochen auf der Krim gelebt. In Konstantinopel angekommen, besucht er Justinians Sophien-Kathedrale aus dem 6. Jahrhundert, die von den Türken in eine Moschee umgewandelt worden war. Das Betrachten der architektonischen Formen der Kirche wird für ihn zu einer Begegnung mit der Göttlichen Sophia selbst; er spürt dort ihre Anwesenheit. „Der Seele hat sich etwas Absolutes offenbart, etwas Unanfechtbares und Offensichtliches… Das ist die Kirche, ‚der Dom‘ (9) im absoluten und unbestreitbaren Sinne, die universale Kirche… Das ist wirklich die Sophia, die zeitgemäße Einheit der Welt im Logos, die Verbindung alles mit allem, die Welt der göttlichen Ideen“. Für Bulgakow ist „die Kathedrale der Heiligen Sophia ein künstlerisches und folglich anschauliches Zeugnis […] für die Erscheinung der Heiligen Sophia, für ihre kosmische Dimension und die sophianische Natur des Kosmos“ (10).

In Konstantinopel befasst sich Bulgakow besonders intensiv mit der Idee der Universalen Kirche, wobei er in Justinians Sophien-Kathedrale ihr Symbol sieht, das eine große Zukunft in sich trägt: Die Kirche wird – so der Wunschtraum Bulgakows – zu den Christen zurückkehren, wenn sie die Teilung von West und Ost überwunden haben…(11)

Erfüllt von der Idee der Sophia, die sich in Bulgakows Seele immer tiefer einwurzelt und immer neue Bedeutung erlangt, wendet sich der Philosoph nach Bulgarien; er lebt in Sofia (sic!), anschließend in Wien, ehe er schließlich nach Prag reist. Hier gründet er im September 1923 gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter die Bruderschaft der Heiligen Sophia – den Keim für die zukünftige geeinte Kirche. In der Folge verlagert sich das Wirken der Bruderschaft nach Paris.

Die Idee der Sophia hatte sich bei Bulgakow auf metaphysisch-theologischer Ebene im Verlauf der 1910er Jahre herausgebildet. In den 1920er Jahren machte sie einen qualitativen Entwicklungssprung durch und erstreckte sich von da an auf das Gebiet der Praxis.

Sophia – die geeinte Universale Kirche

Noch in Jalta hatte Bulgakow einen Traktat in der Form von Platons Dialogen verfasst: An den Mauern von Chersonis, in dem er eine praktische Variante seiner Idee der Sophia ausarbeitet, die zur Realisierung im Leben bestimmt ist. Die Dialogteilnehmer sind: der Laientheologe Beschenez, ein gelehrter Geistlicher und ein Gemeindepriester. Auch wenn Bulgakows eigene Position derjenigen von Beschenez am nächsten kommt, kann man dennoch nicht sagen, dass sie damit völlig überein stimmt. In den Repliken aller Personen findet sich ein existentielles Element (12) – Bulgakows eigene Seins-Intuitionen. Deshalb handelt es sich bei An den Mauern von Chersonis um Dialoge, die unmittelbar in Bulgakows Innerem stattfinden: Die Wahrheit, wie sie der Denker auffasst, bildet sich im Streitgespräch der fiktiven Gesprächspartner heraus.

Bemerkenswert ist, dass Bulgakow diese Dialoge mit einer künstlerischen Beschreibung des Ortes und der Zeit anfangen lässt, sie also als dramatische Szenen darstellt. Der Philosoph sieht folgende Dekoration auf der fiktiven Bühne: „Mondnacht auf der Krim am Schwarzen Meer, in der Nähe der Ausgrabungen von Chersonis, in Sicht des Klosters von Chersonis. In der Ferne die Umrisse der Landzunge von Fiolent, der Überlieferung nach Ort der Opferstätte der Artemis (13)“.

Die Gestalt der Artemis lässt sofort an Sophia denken. Was die Gründe dafür betrifft, dass Bulgakow den rein spekulativen Inhalt des Traktats an die Ruinen von Chersonis knüpft – an jenen Ort, wo die byzantinischen Priester den russischen Großfürsten getauft haben, so geht es hier darum, dass „die Krise von Chersonis“ als Schürzung des „Sujets“ des Traktats erscheint: Die Wurzel für alles russische Elend, darunter die bolschewistische Revolution und den Bruderkrieg, sieht Bulgakow in der Tatsache, dass Großfürst Wladimir im Jahre 988 gerade von Byzantinern getauft wurde, wodurch das historische Schicksal Russlands an den konservativen Osten gebunden worden sei. Es ist offensichtlich, dass Bulgakow hier beinahe wörtlich seinen Vorläufern folgt: W. Solowjow und P. Tschaadajew.

Ungeachtet des glänzenden Gedankenspiels und der sehr interessanten, auch für die heutige Zeit äußerst kühnen Behauptungen, ist Bulgakows Hauptthese einfach. Beim tragischen Bruch zwischen dem christlichen Osten und dem christlichen Westen im Jahre 1054 ist die Kirche mit ihrer überirdischen, sophianischen Basis im metaphysischen Sinne eine geeinte Kirche geblieben. Diese Einheit, behauptet Bulgakow, ist auch in der Geschichte bereits wieder hergestellt worden, – und zwar auf dem Konzil von Florenz im Jahre 1438 [die sog. Florentinische Union], das als achtes ökumenisches Konzil (14) zu zählen ist und dessen Beschlüsse (insbesondere die Lehre vom filioque und dem Primat des Papstes) als allgemeingültig sowohl für die Katholiken als auch für die Orthodoxen anerkannt werden müssen.

Der Traktat An den Mauern von Chersonis ist am stärksten von allen Werken Bulgakows am Katholizismus orientiert; in der Folgezeit kehrte er sich von den meisten seiner pro-katholischen Schlussfolgerungen ab und seine aktive Teilnahme an der ökumenischen Bewegung bekam eine andere Färbung… So muss man also heute, laut Bulgakow, die kirchliche Einheit realisieren; auf der Basis dieser universalen Kirche wird dann ein weltumfassender Staat entstehen, er ist – das Reich Gottes auf Erden. Der Utopismus und heute auch das Unzeitgemäße dieser Ideologeme Bulgakows sind offensichtlich. Aber einen zweifellosen Wert besitzt seine Idee der geeinten Kirche, die er einige Jahre später in der Bruderschaft der Heiligen Sophia in die Wirklichkeit umzusetzen begann.

Der Traktat An den Mauern von Chersonis ist darüber hinaus wertvoll durch einzelne flüchtige (gleichwohl im Gespräch vorbeihuschende) Intuitionen, die von der erhabenen und edlen Seele des Denkers zeugen. Auch heute hat der folgende Gedanke Bulgakows seine Bedeutung noch nicht verloren: „Die einzige kirchliche Realität ist das geistige Leben, und die reale Vereinigung ist die Einheit dieses geistigen Lebens“(15). Die heutige ökumenische Bewegung ist freilich noch sehr weit von ihren Zielen entfernt, – ganz zu schweigen davon, dass der Einfluss der traditionellen Konfessionen auf die Gesellschaft in der heutigen Welt äußerst unbedeutend ist.

Kirche „von unten“

Gleichzeitig ist das Problem der Einheit des christlichen Europas angesichts des beispiellosen Vorstoßes des Bösen so aktuell wie nie zuvor. Und der vertiefte Aspekt dieser Einheit ist, wie es scheint, verbunden mit der sich – durch den Fall des eisernen Vorhangs – eröffnenden Möglichkeit persönlicher menschlicher Kontakte, bei denen der andere Mensch im Aspekt seines „Ichs“ erlebt wird. Meine Begegnung mit einem anderen Christen einer beliebigen Konfession ist eine Begegnung unserer „Iche“ in Christus, – und dies ist das Samenkorn für eine neue Kirchlichkeit.

Der Kontakt auf der Ebene des vertieften „Ichs“ ist nichts anderes, als jene Einheit des geistigen Lebens, von der Bulgakow spricht. Eine Aktualisierung der Existenz der Universalen Kirche wird von unten her kommen, von den persönlichen Begegnungen, wird sozusagen von einer Mikroebene ausgehen, darüber hinaus auch von Seiten der ökumenischen Aktivitäten der Organisationen. Im Wesentlichen wollte Bulgakow auch gerade auf solchen intimen menschlichen Begegnungen seine Bruderschaft der Heiligen Sophia aufbauen – als Keimzelle für die Universale Kirche.

Bulgakow als Mystiker

Bulgakow wurde nicht nur deshalb allgemein als Leiter der Bruderschaft anerkannt, weil er der Begründer des Systems der Sophiologie war, sondern auch und vor allem, weil er eine geistig führende Persönlichkeit war, ein tiefgründiger Mystiker. Die Bulgakow-Forschung erkannte dies in vollem Ausmaß erst Ende der 1990er Jahre, als der Pariser Bote der Russischen Christlichen Bewegung (Westnik Russkogo Christianskogo Dwischenija) sein Geistiges Tagebuch („Duchownyj Dnewnik, 1924-1925“) zu veröffentlichen begann, das in Emigranten-Archiven aufbewahrt worden war. Die Bedeutung dieser Veröffentlichung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie macht uns nicht nur erstmals richtig mit der Persönlichkeit Bulgakows bekannt, sondern regt auch zu Reflexionen über die Besonderheiten der sophianischen Geistigkeit an, über die Möglichkeiten eines der russischen Sophiologie eigenen geistigen Weges.

Einige Worte über den Stil des Tagebuchs: Im orthodoxen Schrifttum des 20. Jahrhunderts ruft dieser das Tagebuch Mein Leben in Christus („Moja schisn wo Christe“) von Pater Johannes von Kronstadt in Erinnerung und ebenfalls die geistig-asketischen Aufzeichnungen des Starez Afon der Weise von Siluan. Das Tagebuch-Schreiben ist für Bulgakow ein betendes Gespräch mit Gott, durchdrungen von einem tiefen Gefühl der Liebe und der Buße; aus dem Element einer derartigen Gebetsklage entstehen theologische und philosophische Gedanken, Sentenzen und Aphorismen. Bulgakow folgt hier der alten orthodoxen Tradition und schreibt all das auf, was beim Verharren im Gebet in den Sinn kommt. Im 19. Jahrhundert hat der hervorragende asketische Autor Ignati Brjantschaninow (Asketische Erfahrungen – Asketitscheskie opyty) ähnlich geschrieben; und wenn man sich in die alte Zeit vertieft, erinnert man sich an die Hymnen von Simeon dem Neuen Theologen (Simeon Nowy Bogoslow, 10. Jahrhundert) und letztendlich an das Psalterium. Man kann behaupten, dass sich das Geistige Tagebuch Bulgakows völlig in die orthodoxe Tradition einfügt.

Um dem Leser dieser Abhandlung den Bulgakowschen Geist deutlicher vor Augen zu führen, bringe ich einige Zitate aus diesem bemerkenswerten Dokument. „O ich unglücklicher Sünder“, – schreibt Bulgakow am 10. Juni 1924 – „welcher großen Gaben und Wohltaten Gottes bin ich würdig befunden worden. Heute Nacht habe ich mich auch wie ein Wurm gewunden, und meine Seele ist im Strömen des Heiligen Geistes vor Glückseligkeit erstorben. Ich habe dieses Strömen gespürt, ich habe ihn erkannt, ich liebte und erfreute mich durch diese überirdische Glückseligkeit an der Freude der Liebe. Und ich erkannte, dass der Heilige Geist die Liebe ist, und dass die Offenbarung des Heiligen Geistes die Glückseligkeit der Liebe ist… Meine Kräfte versagten mir, ich weinte und zitterte, und ich liebte alle und alles, mein Herz wurde weiter; es kochte und verging vor Liebe. Dies kann man nicht mit Worten sagen, der Heilige Geist ist unaussprechlich, aber ich erkenne die Glückseligkeit des zukünftigen Zeitalters, ich erkenne die Erfüllung der Gelübde…“(16).

Und hier eine Aufzeichnung (vom 12. Oktober 1924), die ganz im Geiste der Hymnen des ehrwürdigen Simeon geschrieben ist: „Herr, mein Herr! Du bist die Liebe und gibst Liebe. Wie kann man Dir danken für die Freude der Liebe, dafür, dass Du Liebe gibst. Auf meinem Lager bebt und schmachtet meine Seele vor Liebe zu Dir, zu meinem Gott, und zu Deiner Allerreinsten Gottesmutter, und zu Deinem wunderbaren Geschöpf – dem Menschen… Ich habe keine Worte, keine Gedanken, keine Gefühle, aber in meiner Seele ertönt und brennt Deine glühende Liebe. Ich bin eine Kohle in Deiner Flamme, und wenn ich brenne, werde ich geliebt, gemeinsam mit allen und mit allem von Dir Geschaffenen. Ich möchte brennen, entzünde mich mit Deiner Liebe, Du, der Du so wohltuend gesprochen hast: Wer mir nahesteht, der steht auch dem Feuer nahe…“(17).

Das folgende Zitat (vom 2. September 1925) vermittelt eine Vorstellung davon, was Bulgakow eigentlich geistiges Leben nennt; sein Erlebnis wird hier in ganz allgemeinen Zügen beschrieben: „Das Geheimnis des geistigen Lebens – in seiner Unerschöpflichkeit und in immer neuem Schaffen. Uns Menschen, die wir von den Sorgen dieses Jahrhunderts belastet sind, ist es nicht bestimmt, die Gabe des Einsiedlerlebens oder des Daseins in einer entlegenen Klause zu erlangen, wo der Mensch nur im Geiste lebt und sich von der Kraft aller äußeren Einflüsse lossagen kann. Und von der Seite betrachtet mag es scheinen, dass sein Leben arm, leer und eintönig verläuft, und dass es wunderbar ist, wie man das ertragen kann… Aber so mag es nur so lange erscheinen, solange in der eigenen Seele noch nicht die Quelle des Wassers des Lebens hervorzusprudeln beginnt, die in das ewige Leben hineinfließt, solange noch nicht das tröstende Gebet aufleuchtet, solange der Mensch noch nicht den Schatz seiner eigenen Seele gefunden hat, die in Gott lebt“ (18).

Die geistige Praxis Bulgakows, durch die er in einen übernatürlichen geistigen Zustand gelangte, ist das Gebet, über das er in beinahe jedem Tagebucheintrag spricht, zum Beispiel in dem vom 8. Juni 1924: „Liebe und Gebet, Gebet und Liebe: Nur dies sind die zwei Schwingen des christlichen Lebens. Wenn man im Gebet verharrt und das Herz vor Liebe zu den lieben und teuren Gefährten des Lebens entbrennt, dann geht anschließend dieses Brennen auf die ganze Welt über, und die Seele wird in den Ozean der Liebe eingetaucht, in die Glückseligkeit der Liebe; sie brennt mit einem solchen glückseligen Feuer, dass sie vor lauter Glückseligkeit vergeht. O Wonne der Wonnen, o Freude der Freuden, Jesus meine größte Wonne! Entzünde mich mit Deinem Feuer, entfache meine Seele, verbrenne sie durch Dich!“ (19)

Hier liegt für uns ein gewisses Rätsel des gesamten geistigen Phänomens Bulgakow: In ihm lebten gemeinsam auf unerklärliche Weise Traditionalität und Neuerertum, Ergebenheit in den Kanon der orthodoxen Askese und das Streben zur Sophia. Hier gibt es tatsächlich eine Antinomie, eine Einheit von Unvereinbarem: Traditionelles Entrücktsein von der Welt (das für erfolgreiches Gebet unbedingt notwendig ist) verbindet sich mit der Anerkennung des religiösen Wertes der Welt der Geschöpfe als solcher. Bulgakow ging den Weg der traditionellen orthodoxen Heldentat, auf dem sogar der Begriff Sophia nicht einmal nötig zu sein scheint.

Der folgende Eintrag steht, so scheint es, am stärksten in Übereinstimmung mit den Ideen der russischen Sophiologie (und zwar weniger in der Variante von Solowjew, als vielmehr in der von P. Florenski): „Nichts steht dem Menschen näher, ist dem menschlichen Wesen verwandter als die Mutter Gottes in den Himmeln. Sie umhüllt die Welt, tritt an ihre Stelle, Sie ist mit allen Wesen, über aller Natur. Sie ist über dem Wasser und über dem Festland, über dem Ackerland und dem Wald, über Mensch und Tier. Sie umfasst  alle in sich, vereint alles, ist allen ein liebkosendes Herz. Nach dem Herrn und gemeinsam mit dem Herrn bete Seine Mutter an, die Trägerin des Heiligen Geistes. Und glaube, dass die Gottesmutter flehentlich bitten und dir die Gabe des Heiligen Geistes geben wird, und du wirst den Sohn Gottes sehen, der in Dir lebt“ (16. August 1924) (20). Hier leuchtet gewissermaßen das Bild der Maria-Sophia durch die Ikone der Gottesmutter hindurch, aber dennoch ist auch diese Stelle des Tagebuchs völlig traditionell.

Übrigens charakterisiert dieselbe Vereinigung von Neuerertum und Traditionalität auch Bulgakows Theologie. Ein völlig neuer Inhalt – die Idee der Sophia – ist dort in Kategorien gekleidet, die bereits in den ersten Jahrhunderten des Christentums ausgearbeitet wurden. So ist etwa der Begriff des Göttlichen Wesens („Usia“, griech.), mit dem Bulgakow bisweilen die Sophia gleichsetzt, dem theologischen Arsenal des heiligen Athanasius entnommen. Auf diese Dualität hat bereits Berdjajew hingewiesen: „Bisher war die Lehre von der Sophia“, – so schrieb er im Kapitel „Die Bruderschaft“, – „hauptsächlich Gegenstand der freien christlichen Theosophie. Sie lassen sie zum Gegenstand der allgemeinverbindlichen Theologie werden, und es entstehen große Schwierigkeiten, wenn man dieses Thema in den Kategorien des traditionellen theologischen Gedankenguts ausdrücken will, man spürt den Kampf zwischen der Form und ihrem geistigen Inhalt.“ (21)

Tragik und Glorie

Die Rätselhaftigkeit von Bulgakows innerer Welt, die uns auffällt, verurteilte ihn zur Einsamkeit: Tatsächlich verstanden jene, die an den Traditionen festhielten, nicht, warum Bulgakow irgendeine Sophia brauchte; und den Anhängern freier geistiger Bestrebungen (darunter auch Berdjajew) erschien der orthodoxe Kanon als überlebte Form, als leeres Ritual und tote Formel… Bulgakows Gestalt ist mit einer nicht überbietbaren Tragik umwoben.

Dies gilt jedoch nicht für seine Todesstunde. Der Tod von Pater Sergius (am 13. Juli 1944) war nicht nur der eines heiligen Mannes, sondern einer geistig führenden Persönlichkeit. An die ungewöhnliche Klarheit seines Antlitzes kurz vor seinem Tode erinnert sich seine geistige Tochter, die Nonne Feodosija: „Bereits seit dem Morgen überraschte uns der Gesichtsausdruck von Pater Sergius… Dieser Gesichtsausdruck veränderte sich einige Male, wurde immer bedeutsamer und feierlicher. Es war ungefähr ein Uhr mittags. Das Antlitz von Pater Sergius begann zu leuchten und erstrahlte in einem derartigen überirdischen Licht, dass wir erstarrten, da wir uns fürchteten, das zu glauben, was uns zu sehen beschieden war. Es wurde deutlich, dass die Seele von Pater Sergius, die irgendwelche geheimen Wege durchschritten hatte, sich in diesem Augenblick dem Thron des Herrn näherte und vom Licht seines Ruhms erleuchtet wurde. Beinahe zwei Stunden dauerte diese wunderbare Erscheinung, aber es hätte sowohl ein kurzer Moment als auch eine Ewigkeit sein können – die Zeit stand für uns still. Wir nahmen an einer solch zweifellosen Erleuchtung durch den Geist teil, an einer solch realen Erfahrung von Heiligkeit, dass sie nur schwer zu fassen war.“(22)

Im orthodoxen Verständnis ist das Erstrahlen eines menschlichen Antlitzes in überirdischem Licht ein unbestreitbares Zeugnis für seine Heiligkeit, für die Vereinigung seines Geistes mit Christus (man kann hier an das sonnengleiche Antlitz des heiligen Serafim erinnern, das N. Motowilow gesehen hat). Deshalb hat uns die Ausführung über Bulgakow als Mystiker wie von selbst zu der Vermutung geführt, dass Bulgakow ein bedeutender russischer Heiliger des 20. Jahrhunderts war.

 

Der Bau der geistigen Kathedrale

Im Geistigen Tagebuch Bulgakows gibt es eine für uns außerordentlich wichtige Aufzeichnung (vom 25. Oktober 1924) über den heiligen Sergius von Radonesch: „Der ehrwürdige Sergius hat sich heute erneut an die Arbeit gemacht, um die Heimat vom Tatarenjoch zu retten; gemeinsam mit uns rodet und trägt er schwere Holzstämme, mit uns baut er die Kathedrale für die Sophia, die Göttliche Weisheit.“(23) Der Denker betrachtet den ehrwürdigen Sergius als himmlischen Schirmherrn der Bruderschaft der Heiligen Sophia (24); andererseits fasst er die eigentliche Tätigkeit der Bruderschaft im Bau der Sophien-Kathedrale auf. Hier findet sich ein Widerhall der Ideen des Apostels Paulus, die später vom Freimaurertum zugespitzt wurden; hierin klingt ebenfalls die Erinnerung Bulgakows an seinen kürzlichen Besuch bei der entweihten Sophia von Konstantinopel an und sein Wunschtraum, sie wiederherzustellen; dem sollte die geistige Arbeit vorausgehen…

Dies ist jedoch sozusagen das tiefgreifende „esoterische“ Ziel der Bruderschaft, das Bulgakow nicht auf Schritt und Tritt verkündete. Äußerlich trug die Bruderschaft, die am 26. September 1923 in Prag gegründet wurde, den für katholische Orden üblichen, aber in der Orthodoxie gänzlich fehlenden Charakter mit ihrer strengen Disziplin. Die Mitglieder der Bruderschaft mussten der Satzung Folge leisten und eine große Gebetsregel erfüllen, die aus für die Orthodoxie traditionellen Gebeten bestand: Bulgakow, der auf seinem kirchlichen Weg große geistige Gaben erlangt hatte, wollte, dass die Mitglieder der Bruderschaft ebenfalls gemäß dem Kanon der strengen alten Askese lebten. In seiner programmatischen Rede auf einer der ersten Sitzungen der Bruderschaft hat Pater Sergius seine Forderung an die Mitglieder der Bruderschaft deutlich formuliert: „Jeder muss die Heldentat des Verzichts vollbringen, jeder muss sich dazu entschließen, nicht die ganze Komplexität seiner eigenen Persönlichkeit in der Bruderschaft zu verwirklichen, denn die Bruderschaft steht höher und ist tiefgründiger als alles Persönliche, Individuelle.“(25) Die Aufrufe von Pater Sergius zu „tiefer Demut“ erinnerten sehr stark an jenen Stil kirchlicher Predigten, der einer Reihe von Denkern, die die Bruderschaft bildeten, überhaupt nicht nahestand. Und so ist es völlig verständlich, warum Berdjajew bereits im November 1925 aus der Bruderschaft austritt: ihm, der sein ganzes eigenes inneres Leben und Schaffen mit der Verwirklichung des eigenen „Ich“ verbunden hat, der die existentielle Tiefe der konkreten Persönlichkeit schätzt, ihren „freien Geist“, ihm musste die Religiosität der Bruderschaft als „überholt“ erscheinen, als in die Vergangenheit gerichtet, und war somit für ihn inakzeptabel. Als Berdjajew seinen Austritt aus der Bruderschaft erklärte, sagte er: „Das Mitwirken in der Bruderschaft, Gelübde u.ä., ohne aktive Verwirklichung ergeben ein religiöses Minus; das ist eine Annulierung der eigentlichen Idee der kirchlichen Bruderschaft“. (26) Tatsächlich ist es schwierig, sich Berdjajew selbst vorzustellen, wie er die Morgen- und Abendgebete aus dem Gebetsbuch liest, und wie er das Fasten am Mittwoch und am Freitag einhält! Berdjajew wollte keinerlei Druck seiner Umwelt auf sein eigenes „Ich“ ertragen, er hielt es nicht für notwendig, sich irgendeiner Autorität zu unterwerfen, – nicht einmal dem von ihm verehrten Pater Sergius.

Diese Opposition innerhalb der Bruderschaft – „Berdjajew contra Bulgakow“ – scheint mir verhängnisvoll für das Schicksal der Bruderschaft und ein gewisser Indikator für den Grund ihres letztendlichen Misserfolgs gewesen zu sein. Die Idee der Sophia selbst erfordert in erster Linie, dass man sich auf das konkrete „Ich“ stützt, und das muss auch in der Satzung der Bruderschaft vermerkt sein. Hervorragende Persönlichkeiten – zum Ruhm der russischen Nation, in moralischer Hinsicht makellose Menschen, die daran gewöhnt sind, vor Gott stets eine große Verantwortung zu empfinden (das kann man sowohl von Berdjajew, als auch von S. Frank, N. Losski, G. Florowski u.a. sagen), –  hätte man nicht von Anfang an zur Demut aufrufen sollen: sie tragen die Demut organisch und unmittelbar in sich. Anscheinend hat Bulgakow ursprünglich nicht ganz die richtigen Worte für die Satzung und für seine programmatische Rede gewählt: er hat den Anteil der Tradition zu sehr betont und den Aspekt des Kreativen vernachlässigt.

Es scheint übrigens, dass Bulgakow Berdjajews Pathos verstanden hat und verständlicherweise die Mitglieder der Bruderschaft nicht grob „unterdrücken“ wollte: beim Austritt Berdjajews aus der Bruderschaft spielten ebenfalls private Motive eine Rolle (27). Bulgakow betrachtete die Bruderschaft als „Versuch des Kontakts“ mit doch sehr verschiedenartigen Menschen: einerseits gehörte ihr G. Florowski an, ein Anhänger der These „zurück zu den heiligen Vätern“, und andererseits der Neo-Leibnizianer Losski, der die Reinkarnation für möglich hielt, sowie Berdjajew, der den Mystiker J. Böhme für sich als oberste Autorität anerkannte. Dieser „Kontakt“ sollte einen intellektuellen und zugleich einen tief intimen, die Entfaltung jeder Persönlichkeit verlangenden Charakter haben. Er wurde teilweise auf den Sitzungen der Bruderschaft verwirklicht, auf denen völlig aufrichtig und offen sowohl religiös-philosophische Probleme als auch dringliche Fragen des kirchlich-gesellschaftlichen Lebens erörtert wurden.

Und hinter dieser, oberflächlich betrachtet, beinahe „professoralen“ Tätigkeit stand ein bestimmtes, bereits von Solowjow umrissenes Ziel; darüber ist zu Beginn dieses Unterkapitels gesprochen worden. Spürten und teilten alle Mitglieder der Bruderschaft die Idee der Kirche der Sophia?.. Manchmal wurde als Ziel der Bruderschaft eine „intellektuelle geistige Glaubensgemeinschaft“ genannt, es wurde von der mystischen sophianischen Einheit „der intellektuellen Diener der Göttlichen Weisheit“ gesprochen (B. Wyscheslawzew) (28), – aber das ist nichts anderes, als eine Definition der sophianischen Kirche. Die Mitglieder der Bruderschaft empfanden sich wahrhaftig als Sophien-Ritter.

Und ihre Mitglieder und vor allem ihr Leiter verstanden darunter die Teilnahme an der gesamten Tätigkeit der Bruderschaft der Sophia als Persönlichkeiten, als Personen. Am 27. September 1923, dem auf die Gründung der Bruderschaft folgenden Tag, schrieb Bulgakow in sein Tagebuch: „Der Herr segne uns, und die Göttliche Sophia, die Weisheit Gottes, lehre uns selbst. Es ist seltsam, wenn man mit menschlichem Denken an das erfolgte Unternehmen denkt. Wenn der Wille Gottes darauf ruht, dann ist dies ein historisches, ja sogar ein weltumfassend-historisches Ereignis…“. Und erneut betet der schwerkranke Bulgakow an Sophia, wobei er sich gleichzeitig an die Mitglieder der Bruderschaft wendet: „Möge uns die Heilige Sophia erleuchten, die Weisheit Gottes, die über Kummer und Schicksal herrscht, über die Welten und in der Welt. Möge sie Euren Verstand und Eure Herzen vereinen“.(29) Er wollte durchaus keinen „Orden“ innerhalb der Grenzen der orthodoxen Kirche: es ging ihm um die geheime Geburt einer neuen christlich-sophianischen Kirche aus dem Schoße der traditionellen Orthodoxie.

Werke und Tage der Bruderschaft

Das konkrete Leben der Bruderschaft bestand in regelmäßigen Sitzungen, die in gewisser Weise an wissenschaftliche Konferenzen erinnerten. Die Themen, die diskutiert wurden – und insbesondere ihre Interpretation – sind heute insgesamt überwiegend von historischem Interesse, – wobei alle Reden von Mitgliedern der Bruderschaft klug, tiefgründig und in der damaligen Zeit aktuell waren (man kann annehmen, dass die Atmosphäre der Sitzungen angesichts dieses letzten Umstandes tatsächlich sophianisch war). Zum Beispiel wurde die Frage der Zarenherrschaft erörtert, – die Teilnehmer der Sitzungen beschäftigten einerseits Projekte zur Wiederherstellung der Monarchie in Russland, die im Emigrantenmilieu kultiviert worden waren, und andererseits die theokratische Utopie von Solowjow, deren Zentralgestalt der russische „Weiße Zar“ war. Bulgakow war ein prinzipieller Monarchist und hielt die Figur des Zaren für sakral: Zarenherrschaft war für ihn eine Art Gottesdienst. Losski vertrat eine ihm entgegengesetzte Meinung, indem er meinte, dass die Art der staatlichen Regierung gleichgültig für das Schicksal des Christentums sei; und es ist offensichtlich, dass die historische Rechtlichkeit auf Seiten Losskis stand… In Zusammenhang mit dem Problem der Vereinigung der Kirchen wurde vor allem das „Dogma des Vatikans“ von der Unfehlbarkeit des Papstes ex cathedra erörtert: Bulgakow betrachtet dessen Aufhebung als notwendige Bedingung für die Vereinigung (entgegen dem, was er in den Dialogen in An den Mauern von Chersonis geschrieben hatte). Noch utopischer ist Florowskis Gedanke, gemäß dem „die Gesundheit des Westens nur durch die Eingliederung in die Orthodoxie wiederhergestellt werden kann“, – was er auch teilweise selbst einsieht. Nur die metaphysische Idee von der geeinten – ungeachtet der Kirchenspaltung von 1054 – himmlischen Kirche hielt offenbar der Prüfung durch die Zeit stand; sie wurde von allen Mitgliedern der Bruderschaft geteilt… Man diskutierte die Situation der Kirche in Russland und in der Emigration, warf das Problem von Freiheit und Kirchlichkeit auf, – und plagte sich schließlich mit der Frage: Was ist denn eigentlich die Bruderschaft?.. Wie dem auch sei, all diese Streitereien verdeutlichten das Selbstbewusstsein der Mitglieder der Bruderschaft. Sie spürten, dass sie sich nicht nur mit einer leeren Polemik befassten, und schätzten ihre Versammlungen. „Der Geist des zukünftigen Russlands ist dennoch hier, und nicht dort“, – wurde ganz deutlich auf der Sitzung vom 25. Dezember 1925 ausgesprochen. Aber mit tragischer Schärfe stellte sich den Mitgliedern der Bruderschaft, – und vor allem Bulgakow – immer wieder die Frage über die Bruderschaft als verwirklichte geistige Glaubensgemeinschaft: wie kann man bei allen Meinungsverschiedenheiten die Einheit bewahren, wie kann  die Atmosphäre der Liebe beibehalten werden, wenn man deutlich spürt: „die gemeinsame Sache (‚das Sammeln des kirchlichen Verstandes‘) gelingt nicht”? Und allmählich wurde deutlich, dass die Bruderschaft keine Gegebenheit ist, sondern eine Aufgabe, dass die Erfüllung dieser Aufgabe der ganz fernen Zukunft angehört…

Inzwischen brachen auf die Bruderschaft Angriffe der Kritik sowohl von links als auch von rechts herein. Die Kritik „von links“ ging von Berdjajew aus: Für ihn wurde die Bruderschaft zur konservativen Kraft. Die Kritik „von rechts“ wurde von den eurasischen Kreisen betrieben (N. Trubezkoi, P. Sawizki, P. Suwtschinski), die sich anfangs für die Bruderschaft interessiert hatten, da sie ja zu Beginn ihre Rechtsgläubigkeit erklärt hatte. Aber Orthodoxie ist nicht gleich Orthodoxie! In den Augen der Eurasier stellte die Kirche eine Kraft dar, die in der Lage war, den mächtigen russischen Staat wieder erstehen zu lassen; ihre mystischen und metaphysischen Aspekte waren für die Eurasier völlig uninteressant. Sehr schnell verdächtigten sie die Bruderschaft, dass sie einen Hang zum Katholizismus habe, anschließend verdächtigten sie sie der Häresie und sogar des Freimaurertums, beschuldigten sie, dass sie eine Kirchenspaltung und eine gewisse „Parallel-Kirche“ schaffe; wenn Berdjajew sich von der Disziplin der Bruderschaft unter Druck gesetzt fühlte, so fanden die Eurasier dagegen nicht genügend Disziplin in ihr… Die Opposition von Mitgliedern der Bruderschaft und Eurasiern war eine Opposition von Menschen mit „sophianischer“ und „a-sophianischer“ Gesinnung.

Die Suche nach einer sophiologischen Sprache und nach neuen Erfahrungen

Parallel zu den Sitzungen der Bruderschaft führte Bulgakow bei sich zu Hause rein theoretische Seminare durch. Zu ihnen wurden Professoren aus dem Pariser Theologischen Institut sowie Pater Sergius geistig nahestehende Menschen eingeladen. Auf den Seminaren wurden die brennendsten theologischen und philosophischen Fragen diskutiert, es herrschte dort eine freie, schöpferische Atmosphäre. Gerade durch diese Seminare kann man die Tiefe der Ziele der Bruderschaft der Heiligen Sophia beurteilen; auf den Sitzungen dieser Seminare wurden vorwiegend dennoch weniger metaphysische und geistige, als vielmehr kirchlich-gesellschaftliche Probleme erörtert.

Die erste Reihe von 10 Seminaren fand im Jahr 1928 statt; ihr Thema war die Lehre von der Sophia, der Weisheit Gottes. Die Aufgabe von Pater Sergius war, den Begriff der Sophia in die traditionelle orthodoxe Theologie einzubauen. Dabei reichten ihm offensichtlich die traditionellen Kategorien und Gedankengänge nicht, so dass auf den Seminaren eine neue Sprache für die Gespräche über die Sophia gesucht wurde, – eine Sprache, die diesem Thema angemessen war. Wie es für die Arbeiten russischer Sophiologen charakteristisch war, erhielt die Sophia bei Pater Sergius eine Vielzahl von Definitionen und ihr Bild blieb letztendlich unklar.

Bulgakow führte die Hörer auf den Seminaren an die wichtigsten Ergebnisse der eigenen Sophiologie heran und beschrieb die Sophia in Begriffen des christlichen Platonismus (als Urbild der Schöpfung in Gott), der Lehre von Grigori Palama (Göttliche Energien), des Goetheanismus (Ideen, Urerscheinungen), der Metaphysik W. Solowjows (stets existierende Menschheit in Gott). Er stellt die Frage, ob die Sophia eine Person sei oder ein Prinzip, das gewissermaßen höher als eine Person steht. In diesem Zusammenhang wendet sich Pater Sergius dem kirchlichen Sophien-Gottesdienst zu, der offenbar im 18. Jahrhundert in Freimaurer-Kreisen aufgeschrieben worden war. Als er an diesen Gottesdienst denkt, bemerkt er, dass „die Kirche zu Ihr einerseits wie zu einer Person in Beziehung steht und zugleich auch nicht wie zu einer Person, sondern wie zu einem gewissen obersten Prinzip“ (30); diese pseudodialektische und, einfacher gesagt, widersprüchliche Behauptung klärt schwerlich die Frage nach der Sophia. Letztendlich sagt Pater Sergius von der Sophia, dass sie „die Offenbarung des lebendigen dreieinigen Gottes“ sei, „die seiende Natur Gottes und in diesem Sinne der Ruhm Gottes“ (31). Diese Definition in den Kategorien des heiligen Grigori Palama ist wohl auch durch Bulgakows eigene mystische Erlebnisse bedingt – durch seine Berührung mit den Göttlichen Energien, „mit dem Ruhm Gottes“ (32). Sophia, die Göttliche Natur, hat kein eigenes hypostatisches Sein in Gott; sie hypostasiert sich in allen drei Göttlichen Erscheinungsformen. Gott schafft die Welt aus sich heraus durch Seine eigene Weisheit, so dass „die Welt dieselbe Weisheit ist, aber eine Weisheit der Geschöpfe, die sich wiederholt, und in sich die Göttliche Weisheit, die außerhalb der Geschöpfe steht, widerspiegelt“ (33).

 

 

Deshalb nennt Pater Sergius seine Lehre „Panentheismus“ – „alles in Gott“.

In Verbindung mit der Sophiologie wollte Pater Sergius doch auf eine gewisse Inkonkretheit hinweisen – auf den Bruch zwischen der geistigen Erfahrung und deren metaphysischer Beschreibung. Nach der Veröffentlichung von Bulgakows Geistigem Tagebuch können wir mit Sicherheit behaupten, dass er selbst eine psychische Erfahrung entsprechend derjenigen von G. Palama hatte. Aber die Metaphysik dieser Erfahrung war bereits im 14. Jahrhundert ausgearbeitet worden. So benötigt man bei der sophianischen Hypothese auch keinen Palama. Andererseits setzen die mannigfaltigen Definitionen der Sophia, die der Denker darbietet, eine ganze Reihe geistiger Wege, die zu ihnen hinführen, voraus, verschiedene experiementelle Praktiken… Die Frage nach einer spezifischen Sophien-Erfahrung stellte sich offenbar auch Bulgakow selbst in aller Schärfe. Und sie wurde vor allem auf den Seminaren über die christliche Askese und die orthodoxe Kultur aufgeworfen, die der Denker dann 1930 durchführte.

Es sind nur zwei Protokolle dieser Seminare erhalten (vom 12. November und 2. Dezember 1930); die Reden Bulgakows und einiger Teilnehmer dieser Versammlungen zeichnen sich durch Glanz und Tiefe aus, wobei sie ganz zeitgemäß klingen. Nicht die Diskussion der damaligen kirchlich-gesellschaftlichen Situation auf den Sitzungen der Bruderschaft und nicht Pater Sergius‘ Erläuterung der Darstellung seiner Sophiologie auf den Seminaren von 1928, sondern gerade die Problematik der Seminare über Askese und Kultur halten bis heute dem Lauf der Zeit stand.

”Die Askese gehört unabdingbar zum Christentum, denn sie ist nichts anderes, als das Bemühen des Menschen, das er unternimmt, um Selbsttranszendenz und die Rückkehr zu Gott zu Erlangen”: so beginnt Pater Sergius seinen Vortrag am 12. November 1930. “Die Askese ist ontologisch: sie ist das Heraustreten der Persönlichkeit aus sich selbst und ihr einsames Stehen vor Gott”. Die asketische Literatur – Werke von Isaak dem Syrer, Abt Dorofei u.a. – unterliegt nicht der Zeit, sie bleibt stets aktuell. Aber die Askese kann heute nicht der einzige Weg im Christentum sein. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Welt der historischen Kirche (und das ist die Kehrseite der mönchischen Askese) hat zu einem Bruch zwischen Leben und Christentum geführt – zum Phänomen des Neo-Heidentums in der Kultur, zur Säkularisierung des Lebens. Heute muss man unbedingt über die Ontologie der Kultur, des individuellen Schaffens nachsinnen.

Es ist bemerkenswert, dass nicht Bulgakow selbst, sondern der Seminarteilnehmer I. Lagowski (34) eine kühne These vorlegt, die dann von Pater Sergius unterstützt und entwickelt wird: „Die Askese ist nicht nur charakteristisch für das geistige Leben, sondern für das Schaffen allgemein“ (35). Bereits auf der nächsten Sitzung führt Bulgakow den Begriff „asketische Kultur“ ein – eine christliche Kultur, die in gewissem Sinne der heidnischen gegenübergestellt wird. Zu diesem Begriff führen tiefgründige Gedanken von Pater Sergius über das Heidentum und das Christentum als zwei prinzipiell verschiedene Arten des Seinserlebens: „Für das Heidentum ist das Leben auf der Welt eine heilige Orgie. Das Heidentum ist eine weltbestätigende und weltvergötternde [d.h. die Welt vergöttlichende] Religion. Erst im vorchristlichen Bewusstsein kommt es zur Tragödie… Als das Christentum auf die Welt kommt, verneint es nicht die Welt, denn ‚das Wort ist Fleisch geworden‘, sondern es hebt die frühere kindliche Beziehung zur Welt auf und macht diese Beziehung komplexer“.(36) Die Komplexität (und die Arbeit) liegt in der Übernahme der asketischen Einstellung gegenüber der Welt. Das Christentum führt die Angelegenheit der Kultur fort, indem es dort auch ein asketisches Element einbringt; und solange es religiöse Werte gibt, ist die Kultur der christlichen Epoche asketisch (so sind es, gemäß des Denkens von Pater Sergius, „die mittelalterliche italienische Renaissance und die russische Kirchenkunst“).

Zu solchen Zeiten hat man im Verhältnis von Schaffen und Askese nicht die Antinomie wahrgenommen, die Krise des christlichen Bewusstseins besteht auch im Verlust dieser Harmonie: „Die asketische Kultur ist eine Tatsache, die wir verloren haben, deren Geheimnis wir suchen und nach der wir uns sehnen“.(37) Die Vereinigung von Askese und Schaffen ist für uns „zur Frage der Sphinx“ geworden. Und da Kultur und Schaffen in der sophianischen Welt wurzeln (38), ist diese Frage aus dem Gebiet der Sophiologie – eine Frage der sophianischen Erfahrung, des Erlebens von Sophias Inspiration. Das ist das bemerkenswerte Ergebnis nicht nur von Pater Sergius, sondern tatsächlich von allen Seminarteilnehmern, die hier zu einer geistigen Bewusstseins- und Glaubensgemeinschaft gelangt sind.

Und hier macht Bulgakow einen erstaunlichen intellektuellen Schritt: Obwohl die sophianische Erfahrung für ihn selbst mit der traditionell asketischen zusammenfällt, wendet er sich an die kreativen Persönlichkeiten (faktisch an alle Anwesenden) mit dem Appell, von ihrer geistigen Erfahrung im Schaffensprozess zu berichten: „Mein Wunsch ist, dass die bewusst religiös-kulturell Schaffenden dieser Welt mitteilen, was sich im Geheimen ihrer Seelen vollzieht. Das ist eine gemeinsame Angelegenheit, denn in unseren Tagen durchleben wir ein anderes Bild des Christentums, das uns von unserer Zeit gegeben wird… Die Kräfte des Guten und die Kräfte des Schaffens müssen erkannt werden“ (39). Die Tiefe der menschlichen Seele, von der diese Schaffensimpulse ausgehen, berührt sich insgeheim mit der objektiven Sphäre der Sophia; deshalb ist kreatives Schaffen nichts anderes, als ein nicht bis zu Ende reflektierter Kontakt mit der Sophia. Gerade darüber spricht die Seminarteilnehmerin W. Sander eindringlich: „Außer den sichtbaren Gestalten und Farben, den hörbaren Tönen und den wahrnehmbaren Formen, gibt es in der Seele des Menschen, in ihrem tiefsten Inneren, noch eine unsichtbare, nicht sinnliche Welt, die dennoch real ist, die aller-realste Welt, wo himmlische Musik ertönt, wo ein bestimmter Gebetsritus vollzogen und der ‚Himmel‘ selbst geschaut wird“.(40)

Und wenn der Mensch im Schaffensprozess bis zu diesen seelischen Ursprüngen gelangt, findet nicht nur das Erschaffen von allgemeingültigen kulturellen Werten statt, sondern auch der Bau der eigenen Seele des Menschen. Man kann diese kreative Tätigkeit „geistige Kultur“ nennen; zu allen Zeiten war gerade sie Sinn und Ziel des asketischen Tuns. Hier, im tiefen, geheimen Ursprung der Kultur, werden Schaffen und Askese zusammengeschlossen und erscheinen als ein und dieselbe Tätigkeit… Und in diesen Gedanken liegt offenbar der Höhepunkt und das Ende jener geistiger Spekulationen, mit denen sich Pater Sergius Bulgakow gemeinsam mit seinen Schülern und Anhängern befasste.

 

Schlussbetrachtung: „Viel zu frühe Vorboten…“

 

Unverständlich sind unsere Reden,

Und zum Tode verurteilt sind

Die viel zu frühen Vorboten

Des viel zu langsamen Frühlings.

So fühlte und schrieb D. Mereschkowski 1910 und diese Verse kann man mit gutem Grund auf die Mitglieder der Bruderschaft der Heiligen Sophia beziehen. Im Verlauf der 30er Jahre erlosch die Tätigkeit der Bruderschaft allmählich. Bei weitem nicht alle Kräfte der Bruderschaft waren in Paris konzentriert (so lebte zum Beispiel S. Frank in Berlin); die Teilnehmer der Bruderschaft gingen zu alternativen Emigranten-Organisationen; in der Emigration verhielt man sich – wegen der eurasischen Verleumdungen gegenüber der Bruderschaft misstrauisch… Der Weltkrieg begann, und 1944 starb Pater Sergius. Übrigens glimmte, wie W. Senkowski bezeugt, das Leben der Bruderschaft noch etwa bis zum Jahr 1948 weiter.

Die Dokumente über die Tätigkeit der Bruderschaft warten auf ihre Erforscher. Die Bruderschaft ist einer der ersten Versuche (und dabei der bedeutendste), Solowjows Projekt in der Praxis zu verwirklichen. Das weiterlebende Gedankengut der Bruderschaft wurde in Russland gleich nach dem Zusammenbruch des Bolschewismus aufgegriffen: 1995 entstand in Moskau der christliche Radiosender „Sophia“, der sich ebenfalls an der Idee der Universalen Kirche Solowjows orientiert. Um „Sophia“ herum versammeln sich Geistliche (orthodoxe und katholische) der neuen Kirchengeneration, und ebenfalls die humanistisch gebildete Intelligenz, die von der russischen religiösen Philosophie begeistert ist… Das ist jedoch schon ein Thema für ein neues weiteres Gespräch.

Anmerkungen und Hinweise

1) Die Übersetzerin folgt hier der Schreibweise der Autorin. In anderen Arbeiten wird häufig die Namensform Sergéi verwendet [Anm. d. Übers].

2) Vgl.: Bratstwo Swjatoi Sofii. Materialy i dokumenty (1923-1939), Moskwa – Paris, 2000; „Protoijerei Sergi Bulgakow. Dnewnik duchowny“, in: Westnik Russkogo Christianskogo Dwischenija, Nr. 74 (1996), S. 5-51; Nr. 75 (1997), S. 20-75; Nr. 76 (1997), S. 54-70; Ders.: „U sten Chersona“, in: Simwol, Nr. 25 (1991), Paris, S. 169-342; Protoijerei Sergi Bulgakow. Awtobiografitscheskie sametki, Dnewniki. Statji. Orjol, 1998.

3) Patriarch Tichon (Belawin) war per Los auf der Landesversammlung der Russischen Kirche 1917-1918 gewählt worden. Zu Beginn seiner Patriarchenschaft stand er in scharfer Opposition zur Regierung der Bolschewiken. Einer Version nach wurde er 1924 auf Befehl der Regierung ermordet. Heute zählt er zu den Heiligen. Als ein Mensch von goßer orthodoxer Tiefe und Anmut genoss Patriarch Tichon stets eine große Beliebtheit und besondere Autorität beim Volk.

4) So hat W. Senkowski – Denker, Geistlicher, Mitglied der Bruderschaft der Heiligen Sophia – später diese geistigen Haltungen definiert.

5) Man kann z.B. bereits hinsichtlich der Tätigkeit russischer Freimaurer im 18. Jahrhundert (Nowikow, Gamaleja, Schwarz) mit ihrer offensichtlichen Opposition gegen die traditionelle Orthodoxie von analogen Prozessen sprechen.

6) Brief von S. Frank an den Oberpriester S. Bulgakow vom 4. November 1925. – In der Ausgabe: Bratstwo Swjatoi Sofii, S. 223.

7) Vor kurzem ist auf Iwaschetschkas Grab ein Kreuz errichtet worden nach Vorbildern alter Fotografien. Zwischen den Platten der Gruft der Tokmakows hängen Zypressen, die gepflanzt wurden, als Bulgakow noch auf der Krim war. Im Sommer 2002 gelang es der Autorin dieser Zeilen endlich, die Gruft zu finden und Blumen auf Iwaschetschkas Grab niederzulegen.

8) Das Haus ist erhalten; es steht in der heutigen Straße „Uliza Lessi Ukrainki“.

9) Deutsch im Original (Anm. d. Übers.).

10) „Protoijerei Sergi Bulgakow. Konstantinopolski dnevnik“, in: Protoijerei Sergi Bulgakow. Awtobiografitscheskie sametki…, S. 125.

11) Bulgakows Wunschtraum ist slavophil gefärbt und steht unter starkem Einfluss der theokratischen Utopie Solowjews. Letzterer glaubte, dass der römische Papst und der russische Zar einst die zwei Stützen der universalen Theokratie werden; Bulgakow spricht von einem „Weißen Zaren“, durch eine geeinte Kirche gezeugt – einer weniger politischen als vielmehr sakralen Gestalt.

12) Heute gehört Chersones mit seinen Ruinen (bereits aus der christlichen Zeit) zum Stadtgebiet von Sewastopol.

13) „Protokolle der Seminare von Pater Sergius Bulgakow über die Sophia als Göttliche Weisheit“, in: Bratstwo Swjatoj Sofii, S. 135.

14) Die russische orthodoxe Kirche zählt nur sieben ökumenische Konzile, dessen letztes im 8. Jahrhundert stattfand.

15) Bulgakow S. N.: U sten Chersonisa, S. 296.

16) Westnik RChD, Nr. 174, S. 7f.

17) Ebenda, S. 28.

18) Westnik RChD, Nr. 175, S. 63.

19) Westnik RChD, Nr. 176, S. 62.

20) Westnik RChD, Nr. 174, S. 13f.

21) Brief von N. Berdjajew an Bulgakow vom Mai 1929, in: Bratstwo Sw. Sofii, S. 247.

22) „Sapis materi Feodosii“, in: Protoijerei Sergi Bulgakow. Awtobiografitscheskie sametki…, S. 420.

23) Westnik RChD, Nr. 174, S. 34.

24) Das ist kein Zufall, da dieser altrussische Heilige auf seine Weise ein Vorläufer der russischen Sophiologie des 20. Jahrhunderts war.

25) Bratstwo Sw. Sofii, S. 22f.

26) Ebenda, S. 101.

27) Der Konflikt mit P. Struwe.

28) Das Protokoll der Sitzung der Bruderschaft der Heiligen Sophia vom 12. Dezember 1925. – In: Bratstwo Sw. Sofii, S.104.

29) Brief Bulgakows an die Mitglieder der Bruderschaft vom 5. Februar 1926. – In: Bratstwo Sw. Sofii, S. 232.

30) Bratstwo Sw. Sofii, S. 141.

31) Ebenda, S. 142.

32) Vgl. das Unterkapitel der vorliegenden Arbeit: „Bulgakow als Mystiker“.

33) Bratstwo Sw. Sofii, S. 142.

34) Historiker, Lehrer am Pariser Theologischen Institut. Wurde 1941 in Leningrad erschossen.

35) Bratstwo Sw. Sofii, S. 154.

36) Ebenda, S. 156.

37) Ebenda, S. 158.

38) Ebenda, S. 162: die Worte des Philosophen G. Fedotow („Die Kultur wurzelt in der Engel-Welt, in der sophianischen Welt“).

39) Ebenda, S. 159f.

40) Ebenda, S. 163.

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