22.02.2011

Der Bernstein

Edith Dörre

Ein aus der Tiefe entsprungenes Lächeln ‑ das ist sein Mysterium

Bernstein ist vermutlich der erste bekannte Edelstein der Menschheitsgeschichte. Seit mindestens 7000 Jahren ist er als Heilstein bekannt. Bei archäologischen Grabungen in Asien, Griechenland und Ägypten wurde Ostsee‑Bernstein gefunden; Dieser enthält unvergleichlich viel mehr Bernsteinsäure als jeder an anderen Orten vorkommende Bernstein. In Ägypten war Bernstein wertvoller als Gold. Er galt als „Träne der Großen Mutter“ und wurde mit dem Urozean in Verbindung gebracht. Er war ein Geschenk aus dem sagenumwobenen paradiesischen Land Hyperboräa.

Bernstein ist aus dem Saft von Bäumen entstanden und im Lauf von Jahrmillionen durch viele Wandlungen gegangen und gereift. Bis heute umgibt ihn ein ‑ auch von der Naturwissenschaft nicht vollständig gelüftetes ‑ Geheimnis: Da sich Bernstein in keinem Lösungsmittel ganz auflöst, konnte die exakte, experimentell und statistisch überprüfbare Zusammensetzung der chemischen Substanzen auf analytischem Wege bisher nicht ermittelt werden. Man bezeichnet ihn als „Gemenge von fossilen Harzen, Bernstein‑Säure und ätherischen Ölen“.

Bernstein ist amorph und hat pflanzliche, sehr oft auch tierische Einschlüsse, die nach Meinung der Geologen etwa 40 bis 60 Millionen Jahre alt sind. Er sieht aus wie ein Stein: nimmt man ihn jedoch in die Hand, so ist er erstaunlich leicht. Bernstein schwimmt im Salzwasser, zersetzt sich bei etwa 280° und wird bei 375° flüssig, um dann rasch in gasförmigen Zustand überzugehen, d.h. zu verbrennen ‑ daher sein Name (Bernstein bedeutet „brennender Stein“). An verschiedenen antiken Mysterienorten wurde er zur kultischen Räucherung verwendet. Dank seiner stets vorhandenen Wärme spüren ihn viele Bernsteinsucher barfuß frühmorgens am kalten Strand auf.

Ewa Wasniewska schreibt, Bernstein sei die einzige natürliche Substanz, die eigene Elektrizität hervorbringe. Reibt man ihn, so wird er negativ elektrisch. Sein von Aristoteles überlieferter griechischer Name lautet elektron. Unser Wort Elektrizität stammt also vom griechischen Namen des Bernsteins ab.

Bernstein erscheint in einer reichen Farbpalette: von sehr dunklem, fast schwarzem Grün, über Braun, Rot, Gold und Gelb bis zum Weiß. Die Farbe hängt von der in Kügelchen oder Blasen eingeschlossenen Luft ab, die bis zu 60%, im weißen Bernstein sogar 93 % betragen kann.

Die homöopathische Erforschung des Bernsteins – Warum eine homöopathische Verreibung des Bernsteins?

1. Wir stellen ein Heilmittel her, das eine viel tiefere Heilwirkung entfaltet, als die Ausgangssubstanz,  der unverriebene Stein. Denn in diesem wirkt zwar schon seine ganze Weisheit, während der Verreibung jedoch wird

seine Liebeskraft frei. Materieller und geistiger Pol werden durch den Menschen wieder verbunden zu Geistmaterie ‑ der homöopathischen Essenz.

Wir benötigen nur ein kleines Stück Bernstein; dar­aus könnten wir ein Heilmittel herstellen, das für die ganze Welt reichen würde. Es ist wie bei der wunderbaren Brotvermehrung, alle werden gesättigt.

2. Während der Verreibung erleben wir den Heilungsprozess auf verschiedenen Ehenen an uns selbst, an Leib, Seele und Geist. Wir beschäftigen uns nicht nur mit dem Bernstein, sondern wir verwandeln uns mit seiner Hilfe. Dabei erforschen wir seine Heilwirkungen, um sie dort einsetzen zu können, wo sie benötigt werden.

3. Indem die Gruppe die Wahrnehmungen jedes einzelnen Teilnehmers untereinander austauscht, trägt jeder durch seine verschiedene Resonanz zu dem Stein gleichermaßen zum Heilungsbild bei. Aus verschiedenen Einzelteilen entsteht ein zusammenhängendes Mosaik. Ein Gemeinschaftsprozess wird so erübt. Jeder schult sich in der eigenen Wahrnehmung und im Zusammenklingen mit den Anderen. So kann in der Vetreibung weit mehr über den Bernstein erfahren werden, als in der bisherigen Literatur zu finden ist.

Dreimal haben wir in einer Gruppe (von 12 bis 28 Menschen) den Bernstein zu einem homöopathischen Mittel verrieben. Diese Verreibung des pulverisierten Bernsteins geschieht in einem Porzellanmörser , in 48 rythmischen Prozessen, wobei Milchzucker als Träger‑ und Potenzierungssubstanz dient.

Bei diesem rhythmischen Prozess wird die Wesenskraft des untersuchten Stoffes Schritt für Schritt aus der Materie befreit und unmittelbar erlebhar. Vielen erscheint das zunächst als mysteriös. Wenn man jedoch bedenkt, dass bei der Gewinnung von Kernenergie mit ungeheurem technischen Aufwand ein mikroskopisch kleiner Atomkern gespalten wird, um aufgrund der hervorgerufenen Kettenreaktion eine immense, zerstörerische Energie zu entfesseln, warum sollte es dann nicht möglich sein, in einer homöopathischen Verreibung ebenfalls ‚Energie‘ aus der Materie zu entbinden, diesmal jedoch in einem sanften, rhythmischen Prozess und zu Heilzwecken? Denn, wie Eichendorff es in einem Gedicht festgehalten hat, schlummert in allen Dingen ein besonderes Wesen:

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Diesem geheimnisvollen innewohnenden Lied wollen wir während der Verreibung lauschen.

Die vier Stufen der Verreibung

Die Verreibung vollzieht sich in der Regel in 4 Stufen, und auf jeder dieser Stufen begegnen wir einer anderen Qualität. Auf der ersten Stufe (C 1 genannt), sind mehr die Auswirkungen im physischen Bereich zu erleben. Bei der Bemsteinverreibung wird zum Beispiel von einigen Teilnehmern schmerzhaft eingeklemmte Luft im Darm wahrgenommen. Man empfindet vielleicht auch eine große Last auf den Schultern und kann nicht mehr aufrecht gehen. Alles erscheint fremd und unbekannt, das Licht brennt in den Augen, Geräusche sind zu laut, man erschreckt zuweilen.  Im Herzen werden manchmal brennende Schmerzen spürbar. Manche erleben sich gedrückt und eingeengt.

Bei einer der Verreibungen erblickten wir vor dem Fenster ein Kind, das einen viel zu großen Koffer zu schleppen versuchte. Viele denken auch an ihre Mutter. Einige hielten es in der Gruppe nicht aus und mussten den Raum verlassen…

Die zweiten Stufe (C2) vermittelt uns vor allem mit dem Thema verbundene Gefühle und Emotionen. Beim Bernstein zum Beispiel kann man etwas wie seit Generationen Angestautes spüren, das sich befreien will.

Ein Gefühl, wie in sich selbst eingesperrt zu sein, taucht auf oder die Angst vor Berührung.

Andere erleben, dass sie zu niemandem zu gehören scheinen, von niemandem erkannt werden und auf ewig zum Schweigen verurteilt sind. Aber auch die Sehnsucht, den Anderen ganz nahe zu sein taucht auf.

In der dritten Stufe (C3) tritt das Denken mehr in den Vordergrund. Das vorher Erlebte wird begrifflich erfasst und kann verallgemeinert werden. So findet man zum Beispiel, dass Bernstein ein Mittel bei Autismus ist und sich überhaupt für Menschen eignet, die in sich verschlossen sind und kaum eine Verbindung zur Außenwelt finden.

Wir denken an Kaspar Hauser. Er war fast sein ganzes Leben lang eingesperrt, hatte keinen Kontakt zu Menschen und wusste nicht, woher er kam und zu wem er gehörte. Als er befreit wurde, war ihm alles fremd, das Licht und die Geräusche waren für ihn sehr schmerzhaft. Sein größter Wunsch war, seine Mutter zu finden. Kaspar Hauser wird das „Kind Europas“ genannt. Er ist Menschheitssame. Durch seine Auf-Gabe säte er den Zukunftskeim in die Menschengemeinschaft,

Habe auch ich eine Kindheitskraft in mir, die eingesperrt und mir selber fremd ist? Eine Sehnsucht nach dem mütterlichen Urgrund, dem verlorenen Urvertrauen, die zum Schweigen verurteilt ist und darauf wartet, befreit zu werden wie die im Bernstein seit Millionen von Jahren eingeschlossene Luft? Beim Verreiben wird diese Luft frei. Was ist das für eine Kraft, die da befreit wird?

Der Verreibungsweg führt über Stein, Pflanze, Tier zur 4. Stufe (C4), zum Menschen bzw. dessen viertem Wesensglied dem ICH. Hier verbinden sich die anderen Stufen in einem Wesentlichen. Beim siebenarmigen Leuchter verbindet der vierte Arm alle anderen und bildet gleichzeitig den Fuß des ganzen Leuchters. Er erdet sozusagen die anderen Arme der Leuchters.

In der 4. Stute verbindet der Mensch Materie und Geist, sinnliche und übersinnliche Welt. Sind wir den Verrei- bungsweg bis hier gegangen, konnten wir eine Tat aus dem Erleben und Erkennen des Bernsteinwesens vollziehen d.h. eine Intuition erlangen und daraus handeln. Das Grunderlebnis der C4-Stufe beim Bernstein drückte eine Teilnehmerin folgendermaßen aus: Erfüllte Leere.

Tao wird die Große Mutter genannt,

Leer, doch unerschöpflich
Gebiert sie unendliche Welten.

Laotse

Erleben einer großen Freude

Folgendes wurde zum Beispiel in der 4. Stufe erlebt: Die Schwere und Last des Vorangegangenen verwandelt sich in eine Leichtigkeit; eine große Freude entsteht in der Begegnung mit dem Anderen aufgrund eines Lächelns, einer zarten Berührung, eines liebevollen Wortes…

Eine Teilnehmerin sagte: „Ich war ganz in meinem Schmerz eingeschlossen, da bemerkte ich, wie eine andere Teilnehmerin mich anlächelte… Es war, als öffnete sich in mir eine eingeschlossene Blase. Der Schmerz löste sich, und ich empfand eine ganz freudige Stimmung“. Eine andere berichtet: “Die eingesperrte Luft löste sich in fließende Freude.“ Einige hörten innerlich Beethovens “Ode an die Freude”.

Die Freude ist die Luft der neuen Welt.

Unendlich ist die Freude.

Du erhältst soviel, wie du geben kannst,

Die Freude hat keine Grenzen.

Begrenzt ist nur deine Fähigkeit, zu geben.

Die Freude aber kennt keine Grenzen, keinen Beginn, kein Ende, denn sie ist ewig.

Kehrt die Bewegung zum Ursprung zurück, so wird im Menschen die Freude geboren. Löst sich das Alte, Angestaute und Eingeschlossene dann entsteht Freiraum für Neues. Die Luft aus dem Bernstein hat sich befreit und in Freude verwandelt. Dies wurde als erfüllte Leere und als schöpferischer Freiraum erlebt. “In mir liegt alle Schöpferkraft eingeschlossen; indem ich vom Leben zerrieben werde, befreit sie sich…“

Der Wunsch entstand bei einer Teilnehmerin, den Anderen freizulassen, ihm zu vergeben und sich zu verschenken. Der Bernstein trägt eine Kraft, die tief in uns verborgen und eingeschlossen ist; eine Kraft, die uns am Anfang unserer Menschheitsentwicklung mitgegeben wurde, eingeschlossen in unserem Herzen; eine Kraft aus dem Paradieseszustand der Menschheit, noch vor dem „Sündenfall“, bevor die Welt sich in zwei Teile polarisierte und dann in einzelne Stücke zerfiel. Der Bernstein hat noch beide Pole in sich vereint; darauf weist auch seine natürliche Elektrizität hin. Er ist immer warm ‑ eine innere Wärmequelle. Könnten wir das Bernsteinwesen ganz in uns befreien, so brauchten wir keine äußeren Energiequellen mehr; stattdessen würden wir die Wärme aus der inneren Herzensquelle schöpfen. (Die Japaner erforschen bereits, wie man aus Bernstein Energie gewinnen kann).

Obwohl während der Verreibung der Bernstein mehr „weiblich“ empfunden wurde, ist sein Wesen weiblich und männlich zugleich, so wie das mythologische Bild der “Großen Göttin” oder der Urmutter androgyne Züge hat und beides in sich trägt, sodass aus ihr sowohl die Frau, als auch der Mann geboren wurden.

Dieser tiefe Urgrund unseres Seins, in dem wir alle wie in einer Urgemeinschaft zusammengehören, ist vergessen worden; das Urweibliche wurde verdrängt in das dunkle Unbewusste. Indem wir uns von ihm abgeschlossen, abgekapselt haben, sind wir sehr einsam, aber auch zu freien Individuen geworden.

Während des Lauschens auf den Bernstein ist uns Carl Gustav Jung näher gekommen. Er stieg in das Unbewusste hinab, um es zu erforschen. Zu seinem Erstaunen waren die Bilder, die in ihm aufstiegen, nicht aus seinem Persönlich‑Biographischen gewo­ben, sondern mythischer Natur. Sie entstammten einer unpersönlichen Sphäre ‑ dem “kollektiven Unbewussten”, wie Jung es nannte ‑, und er entdeckte darin Anima und Animus als männliches bzw. weibliches Urbild. Wir sind alle mit dem kollektiven Urgrund verbunden und schöpfen daraus.

Jeder bringt aus dieser Urgemeinschaft einen besonderen Samen mit, der im Leben zur Gabe reifen kann ‑ ein Same, der uns in seiner Reifung einsam werden lässt. So trägt jeder Mensch ein tiefes Geheimnis, das in ihm heranreift und so lange in Schweigen gehüllt ist, bis es reif für die neue Gemeinschaft ist, in der Weibliches wie Männliches sich gegenseitig befruchten. Den Samen, den wir mitbekommen haben, geben wir dann als reife Frucht wieder in diese Gemeinschaft hinein. Dann wird er zur Auf‑Gabe. Wenn wir sie vergeben, hingeben, dann binden wir uns wieder an den Ursprung an, an die Urgemeinschaft, die dann aber eine zukünftige ist welche aus freien Individuen besteht.

“Soviel du geben kannst, so groß ist deine Freude. Im Geben liegt die Gabe. Jeder Mensch hat eine besondere Gabe. Wenn wir uns freuen, vertrauen wir“(eine Teilnehmerin auf der C4-Stufe).

Der Bernstein erlöst in uns das Urvertrauen, das uns den Ursprung, den Urmuttergrund wieder fühlen lässt. Aus ihm heraus ist alles gut. Jeder hat seinen ureigenen Entwicklungsprozess, den du nicht beschleunigen kannst. Du hast Zeit. Geduld! Alles hat seine Zeit.

Zwischen den Verreibern entstand als geflügeltes Wort: “Du wirst es schaffen, du hast 5o Millionen Jahre Zeit“.

Vertrauen in die Zukunft, Vertrauen in die Kinder

Es geht beim Bernstein nicht um ein Zurückschauen, sondern darum, ein Zukünftiges zu befreien; die Zukunft aber sind die Kinder. Er heilt da, wo wir in der Kindheit durch Gewalt, Verlust der Heimat oder der Mutter das Vertrauen verloren haben, wo wir als Kind hintergangen, verraten und verletzt wurden oder wo bereits in der Schwangerschaft ein Trauma gesetzt wurde. Er löst den Stau der eingeschlossenen Gefühle, die sich sonst möglicherweise in Gewaltaktionen entladen würden.

Bei der Bernsteinverreibung waren die Kinder mancher Teilnehmer sehr wichtig. Sie waren ganz selbstverständlich dabei, haben mit verrieben, gemalt (sie malten zB. männlich-weibliche Gestalten) und gespielt.

Ein mit dem “Grundstein Neukirchen e.V.” verbundener Bildhauer knüpfte ein Seil zu einem Netz, das unbeabsichtigt 12 Enden hatte. Mit dem Netz sollte ein Stein als Grundstein für das Projekt aus der Ostsee gehoben und zum zentralen Platz des Anwesens getragen werden. Als wir in der Mitte des großen Platzes standen und über dieses Vorhaben sprachen, kamen die Kinder hinzu, setzten sich in das Netz und verlangten, geschaukelt zu werden.

Dadurch, dass der Bernstein wie ein Stein aussieht, aber viel leichter ist, vermittelt er uns: Es ist viel leichter, als du denkst! Nimm dir den Freiraum, den Augenblick wahrzunehmen, sei geistesgegenwärtig!

Ein Teilnehmer aus Litauen sagte dazu: ‚Ich will ganz heutiger Mensch sein; fühle mich nicht gut bei der Beschäftigung mit Vergangenem. Möchte ganz in der Gegenwart sein, denn aus jedem Augenblick erwächst die Zukunft ‑ ganz anders, als ich gedacht habe. Nicht im Gedanken sein, sondern ganz in der Tat des Augenblicks.“

So war es auch hier. Wir wollten einen schweren Stein schleppen zur Grundsteinlegung, aber als wir völlig unerwartet zusammen die Kinder im Netz schaukelten, legten wir als unseren wahren Grundstein die Kinder und schaukelten sie mit Urvertrauen. Es war ganz leicht.

Am Anfang der Verreibung sahen wir durch ein Fenster, wie ein kleines Kind einen viel zu großen Koffer schleppte. Dann nahm ein größeres Kind ihm den Koffer ab.

Der Bernstein hilft, unsere Kindheitskräfte und Zukunftskräfte zu befreien und wirken zu lassen. Dann können die Kindheitskräfte der “Großen” den kleinen Kindern die schwere Last abnehmen, an der sie schon zuviel tragen.

Eine Teilnehmerin hatte einen fünfjährigen Adoptivsohn aus einem anderen Land mit dabei, den sie angenommen hatte, als er einige Monate alt war. Sie meinte, er schleppe nicht nur einen Koffer, sondern einen ganzen Container von Kindheitstraumata mit sich. Er sei normalerweise ein sehr unruhiges und schwer zu führendes Kind, das die volle Aufmerksamkeit brauche; oft Wache er nachts auf und schreie vor Angst. Noch nie habe er eine Nacht allein in seinem Bett geschlafen. In unseren Verreibungsablauf fügte er sich gut ein, verrieb mit, malte oder legte sich hin. Die erste Nacht nach der Bernsteinverreibung schlief er das erste Mal allein in seinem Bett durch. Am zweiten Abend kam die Mutter in das Zimmer, um ihn ins Bett zu bringen. Zu ihrem großen Erstaunen war er schon alleine zu Bett gegangen und schlief bereits ‑ auch diesmal die ganze Nacht.

Immer wieder kamen uns die sogenannten ,,lndigo‑Kinder“ in den Sinn, und wie der potenzierte Bernstein ihnen möglicherweise helfen kann, ihre Aufgabe zu verwirklichen und in dem angenommen zu werden, was sie Neues in die Welt bringen.

Eine junge Frau, 18 Jahre alt ‑ sie ist die älteste von 5 Kindern ‑, hat immer das Gefühl, ihre Geschwister mittragen zu müssen, schon von klein auf; sie hatte gar keine richtige Kindheit gehabt. Sie wirkt sehr belastet, seelisch und körperlich und leidet stark an Neurodermitis.

Bei der Bernsteinverreibung denke ich innig an sie. Anschließend gebe ich ihr den potenzierten Bernstein. Nach der Einnahme entschließt sie sich spontan, an einem Segeltörn auf der Ostsee teilzunehmen. Auf diesem Törn trifft sie die wichtigsten drei Freunde aus ihrer Kindheit, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte, weil sie mittlerweile fortgezogen war. Als sie zurückkommt, ist sie ganz gelöst und freudig. Sie erzählt, wie gut es war, diese Freunde wiederzutreffen. Die meiste Zeit hatten sie sich darüber ausgetauscht, was für eine schöne Kindheit sie gehabt hatten.

Diese positiven Erinnerungen waren in ihr wie eingeschlossen gewesen, der Bernstein half sie zu befreien, sodass sie wieder daraus schöpfen kann. Auch die Haut wurde viel besser.

Die 12 Brüder

Ein Märchen, indem wir den Bernsteinprozess geschildert fanden, ist „Die 12 Brüder“ von den Brüdern Grimm. Mir geht es nicht darum, das Märchen intellektuell zu deuten, sondern den Bernstein als Heilungsweg zu vermitteln. Dieses Märchen ist sehr hilfreich, die Komplexität des Prozesses anschaulich werden zu lassen. Wer näher dem Bernstein begegnen möchte, dem rate ich, das Märchen künstlerisch zu bearbeiten.

Der Bernstein ist so ein sympathischer, warmer und leichter Stein, das es erschütternd war, welcher Dramatik wir begegnet sind während seiner Erforschung.

„Es war einmal ein König, der hatte zwölf Kinder, das waren lauter Buben, er wollte auch kein Mädchen haben und sagte zur Königin: „Wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Mädchen ist, so lass ich die zwölf anderen töten, ist es aber ein Bube, dann sollen sie alle miteinander am Leben bleiben.”

Die 12 rundet einen Zyklus ab. Auf seinem Fundament beginnt mit der 13 ein neuer Zyklus. Entweder es bleibt alles beim alten, ein Bub wird geboren, oder ein neues Zeitalter fängt mit einem Mädchen an. Die Haltung des Königs fordert Protest und Abwehr heraus. Wieviel Leid bringt er über seine Kinder! Warum sollte nicht ein Mädchen zusammen mit den Brüdern aufwachsen? Eine Lehre im Bernstein aber war eindringlich: Bewerte nichts, denn du weißt nicht, welches Geheimnis der Andere trägt und in welcher Art er es zu erfüllen hat. Auch wenn es dir missfällt, mag es doch letztendlich für alle erlösend sein. Der Bernstein unterscheidet nicht zwischen gut und böse.

Seit wenigstens fünftausend Jahren leben wir in einer männlich geprägten Kultur, Alle Schriften, Dokumente und religiösen Bilder sind davon bestimmt. Seit Adam und Eva angefangen, sind wir vom Männlichen geprägt. Es gibt nur wenig Zeugnisse einer vorangegangenen weiblich geprägten Kultur. Wir haben keine Ahnung, wie ein weiblich bestimmtes Zeitalter aussehen soll; schließlich haben wir Jahrtausende einen männlichen Gott angebetet. Bernstein trägt die Kraft der 13, er ist ein Zukunftsstein, der eine Wende einleitet. Ein Teilnehmer sagte, Bernstein bringt uns „back to the future”. Der Bernstein trägt eine Kraft, die niemals sich der Polarität ausgesetzt hat, er ist ein Stück der Großen Göttin, der Urmutter oder des Urvertrauens “vor der Schöpfungsgeschichte, als Himmel und Erde sich trennten und der Mensch in Mann und Frau”. Der Bernstein begleitet uns auch wieder dahin, dem Männlichen und dem Weiblichen in uns zu vertrauen im Sinne einer Vermählung. Aber es ist noch ein langer Weg, denn viele Teile in uns, die zu unserer Ganzheit gehören, sind abgespalten und verdammt worden; sogar die Zahl 13 gilt als Unglückszahl. Wir sind so von dem Alten besetzt, dass es wirklich schwer ist, einen kleinen Freiraum für Neues zu schaffen. Ein Teilnehmer schreibt in der 4. Stufe: „Der Bernstein ist die Kraft der Sanftheit und zugleich des Lebensmutes, die zusammen die Sanftmut ergeben, von der in der Bibel gesagt wird, dass die Sanftmütigen das Erdreich erben werden… Aber wieviel Altes, Unerlöstes, Verhärtetes muss da erlöst, gelöst, verwandelt werden! Wenn du dich nicht abschneidest von dem Alten, wenn du nicht die Toten ihre Toten begraben lässt, kannst du dem Leben und der Wahrheit nicht auf ihrem Weg folgen. Welche Erleichterung, wenn du es endlich vermagst, die Abschneidung zu vollbringen! Ein nächster Schritt kann notwendig, eine nächste Tat fällig sein ‑ wenn du nicht handelst, wenn du dich nicht bewegst, bleibst du im Alten verhaftet. Ein Mutschritt ist verlangt.“

Wir haben jetzt lange genug in einer Zeit gelebt, die vom In­tellekt, vom Kopfverstand und der Vernunft beherrscht wurde. Um dem Weiblichen die Chance zu geben heranwachsen zu können, müssen den 12 Brüdern die Köpfe abgeschlagen werden. Dieses Bild bedeutet im Märchen, dass die einseitigen Verstandeskräfte geopfert werden müssen.

Bei der Bernsteinverreibung fiel unter den Teilnehmern immer wieder die Bemerkung: “Es ist fünf vor zwölf”, oft im Zusammenhang mit einer totalen Erschöpfung. Diese Erschöpfung lindert keine Ruhepause, denn sie weist uns darauf hin, dass unsere alten Quellen erschöpft sind. Es ist fünf vor zwölf, dass wir uns für das Neue entscheiden, den Zukunftssamen, die 13 hereinlassen zur Befruchtung, damit nicht, wenn Punkt 12 die Runde erfüllt ist, der neue Zyklus nur zu einer Wiederholung des Alten wird. Um das Neue heranwachsen zu lassen, müssen wir uns radikal von den alten Wurzeln abschneiden. Im Märchen heißt es: Wenn ein Mädchen geboren wird, müssen die Brüder geopfert werden. Alles Wahre ist paradox, so gibt es aber auch eine andere Seite im Bernstein, die uns vermittelt: Du hast alle Zeit der Ewigkeit. Das ist die Stimme der Königin; sie lebt nicht in der „Entweder-oder‑Haltung” des Königs; bei ihr kann alles nebeneinander leben und sich entwickeln, denn jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Sie schickt die Söhne vom väterlichen, lichten Schloss in den mütterlichen, dunklen Wald. Als sie von der Geburt des Mädchens erfahren, suchen die 12 Brüder eine Höhle ‑ dort, wo es am dunkelsten ist..

Das Männliche in uns muss den Weg von den lichten Höhen in die dunklen Tiefen gehen, in das Unbewusste und Unkultivierte unserer Seelenlandschaft. Dort schließen die 12 Brüder sich wieder an den vergessenen Archetyp der Großen Mutter an und finden ihren Schoß, der gleichzeitig empfangendes Grab und gebärende Mutterhöhle ist. Alles kommt von ihr und alles kehrt zu ihr zurück. Etwas stirbt und gleichzeilig reift Neues heran.
Ein Mensch, der sich in ein ganzheitliches Zeitalter aufmachte war C.G. Jung. Er stieg in das Unbewusste herab und fand die Höhle der Großen Mutter, die er als das kollektiv Unbewusste im Muttergrund bezeichnete. Dort in der Mutterhöhle erlernen die 12 Brüder nun weibliche Qualitäten, im Märchen ausgedrückt durch Kochen und den Haushalt führen.

Tauchen wir in unser Unbewusstes ein, dann begegnen wir dem verdrängten, verdammten und ungeliebten Schatten, der nun in unser Bewusstsein aufsteigen kann. Dem Schatten ist auch C.G. Jung begegnet, als er das kollektive Unterbewusstsein erforschte. Wir leben in einer männlich dominierten Kultur und unser kollektiver Schatten ist das verdrängte Weibliche. Im dunklen Mittelalter wurde das Weibliche in der Hexenverfolgung als teuflisch verdammt und auch heute gibt es noch extreme Formen der Unterdrückung, Verschleierung und Misshandlung. Wir erleben die Unterdrückung in unserer Seele mehr zwischen den weiblichen und männlichen Seelen-Anteilen.

Auch die 12 Brüder im Märchen begegnen dem Schatten, und sie offenbaren ihn, in­dem sie jedes Mädchen töten wollen, das ihnen begegnet, viele Jahre. Das Märchen berichtet: Die Mädchen gehen dabei verloren. Der verdrängte Schatten, der normalerweise in die Außenwelt als Feindbild projeziert wird, ist hautnah sichtbar.

Auch wir leben in einer kulturellen Übergangszeit. Vieles, was in den letzten 100 Jahren geschehen ist, glich dem Aufbrechen reifer Eitergeschwüre, verursacht durch die Verdrängung unserer Schatten. Was Tausende von Jahren dämonisiert wurde, tritt uns zunächst in der von uns geschaffenen dämonischen Gestalt gegenüber. Die fürchterlichsten Gestalten, die uns in Alpträumen verfolgen, sind Anteile von uns, die integriert werden wollen. Nicht der Schatten ist Ursache des Bösen; seine dämonische Gestalt ist Folge unserer Verdrängung.

Im Märchen verlässt das Mädchen das heimatliche Schloss, um seine Brüder zu finden. Es bringt ihnen ihre Hemden mit, gewebt vom mütterlichen Urvertrauen. In der Mutterhöhle findet die Versöhnung statt, noch jenseits unseres Tagesbewusstseins. Doch die Träume haben Zugang zur Mutterhöhle und zeigen uns als erstes, ob sich eine Versöhnung auf tieferer Seelenebene ereignet hat.

Aber jetzt steht der nächste Schrift im Märchen an: Die Kinder müssen nun auch die schützende mütterliche Höhle verlassen, wie zuvor das lichte väterliche Schloss. Ungewollt trennt das Mädchen die Verbindung wie eine Nabelschnur ab, indem sie die 12 Lilien abschneidet.

Heimatlosigkeit und Entfremdung

Dramatische Erlebnisse im Bernsteinprozess sind die Heimatlosigkeit, das Gefühl, zu niemandem zu gehören. Alles und alle erscheinen da fremd, selbst ich bin mir fremd. Es erscheint unmöglich, einen wahren Kontakt herstellen zu können; stattdessen empfindet man sich als eingeschlossen im inneren Verstummen. Dazu sagte eine Frau nach der Verreibung: „Ich fühle mich als Fackel, wie das Olympische Feuer, das weitergetragen wird, unterwegs ‑ auf dem Weg … Ich denke an die ‚Suchkinder‘. Diese Kinder, die in den Wirren des Kriegsendes oftmals wochenlang verloren herumgeirrt sind, allein, heimatlos, wie Treibgut irgendwo an den Strand gespült. Sie wurden aufgesammelt, in Heime oder Internierungslager gesteckt und man gab ihnen Nummern. Dann begann eine Jahrzehnte dauernde Suchaktion, die den Namen trug: Suchkind Nr. X. Oftmals fanden sie auf diesem Weg wieder zu ihren Familien zurück, doch viele, viele blieben allein.”

Eine Bernsteinverreibung fand in Danzig statt. Viele der Teilnehmerinnen waren dort geboren, mussten aber als Kinder, in der Folge des Krieges, ihre Heimat unter dramatischen Umständen verlassen. Zahlreiche traumatische Kriegserlebnisse, die seit Jahrzehnten abgekapselt in der Seele schmerzten, wurden während der Verreibung befreit und verarbeitet. Es war auch erlebbar, dass sich in der Atmosphäre des Ortes etwas erlöste. Denn die traumatischen Erlebnisse bleiben dem Ort und den Elementarwesen so lange eingeprägt und eingefroren, bis sie der Mensch in seiner Seele verarbeitet und den gestauten, abgekapselten Schmerz einen Ausdruck ermöglicht hatte. Sehr hilfreich ist auch, dem Ort die “erlösten“ Bernsteintropfen zu geben.

Der Bernstein hilft nicht nur bei abgrundtiefem Vertrauensbruch, infolge Heimatlosigkeit durch Krieg und äußere Gewalteinwirkung, sondern auch, wenn das Vertrauen durch andere traumatische Erlebnisse in der Kindheit gebrochen wurde. In der Anamnese von Menschen, denen der Bernstein half, findet sich immer wieder ein plötzlicher Krankenhausaufenthalt in der Kindheit. Eine Frau erzählt, dass sie völlig unvorbereitet zu einer schweren Operation mit vier Jahren ins Krankenhaus musste. Die Mutter konnte nicht bei ihr bleiben, und sie hat sich voller Angst in sich verkapselt und konnte nie mehr eine warme Verbindung zur Mutter finden oder einem anderen Menschen vertrauen. Als sie aus dem Krankenhaus zurückkam, überwältigt vom Schmerz des Verlassen­seins, legte sie sich auf den Boden und schrie. Damit sie sich beruhige, fesselte ein Verwandter sie in ihrem Bett fest. Seit damals hat sich das verletzte Kind in ihr völlig in sich eingeschlossen, es “eingemauert“ in einem tiefen Schmerz in der Brust. Sie hat sich fast völlig von der Außenwelt abgeschlossen, und durch ihre Ängste ist es ihr unmöglich, in normalem Kontakt mit Menschen zu sein. Als sie 71-jährig zu mir kommt, war sie viele Jahre kaum aus dem Haus gegangen. Zuvor hatte sie jahrelang in einer Psychotherapie die Erlebnisse verarbeitet und trägt sie ihrer Mutter nicht mehr nach. Trotzdem blieb der Schmerz wie unberührt davon. Ähnliches erlebte ich bei anderen “Bernsteingesprächen“. Sie haben ganz viel für siie bewusst gemacht, aber der seelische Schmerz dauerte mit derselben Intensität an. Unberührt, wie die Urtiere, die seit vielen Millionen Jahren unverwandelt im Bernstein eingeschlossen sind.

Es ist alles verstanden, aber sie konnte das Urvertrauen nie mehr fühlen. Nachdem die Frau den Bernstein als homöopathisches Mittel eingenommen hatte, wachte sie am Morgen danach das erste Mal nach Jahrzehnten ohne den Schmerz in der Brust auf und telefonierte eine Stunde, was sonst unmöglich war. Ihr Leben schien ihr völlig sinnlos zu sein, jetzt hat sie wieder Vertrauen bekommen.

Wichtig in dieser vom Leben abgeschnittenen Zeit ist, auf die Träume zu achten:

In der Situation des völligen Fremdseins und der fehlenden wahren Verbindung zum Anderen erfährt der Träumer von seinem Kind, von dem er nichts wusste. Es ist prächtig herangewachsen und wartet immer auf ihn. In der Stille reift ein zukünftiges Potential heran, von dem wir erst nichts wissen, das aber aus uns geboren wurde. Es wartet darauf, dass ihm jemand begegnet und es erkennt. Wenn die “1 2 Jahre des Schweigens” vorbei sind, wird seine Stimme aus unserem Herzen erklingen.

Das Märchen kreativ zu bearbeiten, hilft den Menschen, ihren Prozess in einem größeren zu Grunde liegenden Urbild wiederzufinden und als notwendige tiefe Wandlung zu erleben.

Die alte Frau im Märchen sagt dem Mädchen: es gibt kein Mittel auf der Welt als nur ein einziges um die 12 Brüder zu erlösen: Das Mädchen, d.h. die heranwachsende Dreizehnte, muss schweigen, bis der alte Zyklus sich durch 12 Jahre Rabensein verwandelt hat. Im Menschen reift als großes Geheimnis seine Aufgabe heran, solange in Schweigen gehüllt und allen Demütigungen und Verleumdungen ausgesetzt, bis die Zeit reif ist.

Während der Verreibung erinnerten sich viele Teilnehmerinnen an die Schmerzen und Qualen, die sie erlitten hatten, als sie Verleumdungen und falschen Beschuldigungen ausgesetzt waren. Es waren Situationen, in denen sie völlig verkannt wurden und kein Gehör fanden um das Unrecht richtig zu stellen.

Aber ist es nicht so, dass wir jedes Mal, wenn wir über einen anderen Menschen urteilen, uns wie die Mutter des Königs verhalten? Durch jedes Urteil können wir uns nur schuldig an dem Geheimnis des Anderen machen.

Die Beschuldigungen der Schwiegermutter können aber nur im Zusammenhang mit den 12 Raben verstanden werden. Das Mädchen trägt deren Verwandlungsprozess mit, und die Mutter des Königs spürt das noch Unerlöste, Der Rabe gilt als Bote zwischen Himmel und Erde, und er ist die erste Stufe eines esoterischen Einweihungsweges. Er ist aber ein dunkler Bote und immer auch Gefährte der Hexe. In den 12 Jahren verbindet der Rabe das abgetrennte Schattenhafte wieder mit den lichten Höhen.

Bernstein ist Brennstein. Er ist gut bei Verbrennungen, auch wenn sie schon lange zurückliegen und vor allem die seelischen Narben zurückbleiben. Im Märchen muss das Mädchen ins Feuer. In unserem Märchenspiel während der Verreibung war es für das Mädchen eine Wohltat, endlich im Feuer zu stehen. Eine Patientin beschrieb dieses Märchenbild: „Hier bin ich nichts als verbrennender Schmerz,“

Lange hat das Weibliche in uns geschwiegen, jetzt verzehrt es sich vor Schmerz und kann endlich von dem verwandelten Männlichen aus dem Schmerz erlöst werden. Aber erst müssen wir gänzlich scheitern, zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt werden. Wieviele Menschen mit neuen Impulsen sind unverstanden auf äußeren und inneren Scheiterhaufen verbrannt worden! Im Märchen kommen die 12 Raben, berühren die Erde, verwandeln sich in Menschen und retten das Mädchen (in uns). Es ist die innere Stimme des Herzens. Jetzt kann sie frei sprechen.

Bernstein Du lichter, leichter, leuchtender Stein!
Der du die Festigkeit
Und den geballten Willen,
Die in den Stein gebannt sind,
Verbindest mit der Leichtigkeit
Des Getragenwerdens
Auf den Wellen und Wogen des Seins.

Du, der vom Wasser Getragene,
Von Luft Bewegte,
Hilf mir vorzudringen
Zur Begegnung mit dem Neuen,

Dem Fremden,

Dem Unbekannten.

Erleichtere, die große,

Die schwere,

Die endliche Abschneidung vom

Verhaftetsein im Alten –

Dem Gewordenen,

Fesselnden,

Erstarrten.

Wie eine Mutter

Umhülle mich,

Trage mich in dir,

Dass ich das Herz

Des großen Meeres vernehme,

Den Pulsschlag von Millionen Jahren,

Der mir Gelassenheit verleiht

Und in der Bewegung Ruhe.

Und wenn das umhüllende Schweigen gereift,

Die Geburt genaht,

Und das neue Leben da ist,

Das von allen Seiten

Unbekannt an mich herandringt,

Dann, in der Fremde einer neuen Welt,

Wo Hilflosigkeit und Verlorenheit drohen,

Sei du die Nabelschnur,

Die mich mit der umhüllenden Wärme,

Der Geborgenheit im Mutterschoß,

Vereint

Und dem sich fremd und ausgeschlossen Fühlenden,

Immer neues Leben zuströmt.

Denn du vermagst es,

Sanftheit zu schenken,

Und Mut,

Auf das neue Leben zuzugehen

Um das Erdreich zu erben.

Behutsam kündige Begegnung an

Mit dir.

Schenke Deine Berührung,

Deinen Hauch,

In dem sich Zukunft verheißt.

Denn alle Zukunft ist am Anfang

Ein sanft leuchtendes Licht

In der Tiefe der Seele.

Und alle Werke münden darein,

Dass jenes uranfängliche Licht der Hoffnung,

Das im Innern ruht,

Einmal nach Außen strahle,

Und alle Dinge und Wesen

In einem neuen,

Wärmenden,

Wandelnden Feuer

Zum Aufleuchten bringt –

Dem Bernstein‑Feuer,

Dem Bernstein.Licht.

(Worte, die ein Teilnehmer auf der 4. Stufe ‑ der C4 ‑ schrieb.)

Kommentare

Dieses ist ein wundervoller Artikel über das Wesen des Bernsteins.

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