18.08.2010

Die heilige Sophia – kosmisch und menschlich

Klaus J. Bracker

Wie die christlich-abendländische Tradition im Großen (den Raum des orthodoxen Christentums inbegriffen) so hat auch die anthroposophische Geistesbewegung im Anschluss an ihren Begründer Rudolf Steiner kein einheitliches, in sich zusammenhängendes Verständnis der Wesenheit der himmlischen Sophia ausgebildet. Hier wie da treffen vor allem drei Sichtweisen im Verstehen des Wesens der himmlischen Weisheit (Sophia) unvermittelt aufeinander – das so genannte christologische Konzept, das die Sophia und den Logos, d. i. die Weisheit und das göttliche, in Christus menschgewordene Wort in eins setzt, dann das so genannte pneumatologische Konzept, das sie mit dem Heiligen Geist identifiziert und schließlich das sophianische oder sophiologische Konzept, welches in der Sophia eine wirkliche, reale Wesenheit zu erkennen sich anschickt, die nicht bloß als allegorische Personifikation eines Attributs einer der drei Personen des höchsten dreieinigen Gottes – als die Eigenschaft seiner Weisheit – anzusehen, sondern im Sinne eines eigenen Wesensbestandes zu denken ist.[i]

Gleichwohl ist in der Sophia eine göttlich-geistige Macht zu sehen, die die anthroposophische Bewegung in ihrem innersten Gehalt inspiriert. Sie wahrhaft zu erkennen ist von daher, wie gezeigt werden soll, eine der ganz vordringlichen Aufgaben für die Schüler der Anthroposophie. Der hier unternommene Versuch einer Zusammenschau von einigen der wichtigsten Aussagen Rudolf Steiners über die rätselvolle Gestalt der Sophia ist darauf angelegt, den verschiedenen Ebenen gerecht zu werden, auf denen das Sophia-Rätsel sich ausdrückt, und er geht deswegen im Wesentlichen nicht chronologisch vor. In der Form der erzählenden Wiedergabe wird erhofft, dass sich der innere Zusammenhang nach und nach aus sich heraus herstellt.[ii] Dabei werden nicht alle vorkommenden Grundbegriffe der anthroposophischen Geisteswissenschaft eigens entwickelt. Und eine Vollständigkeit der Gesichtspunkte kann innerhalb dieses Aufsatzes von vorn herein nicht angestrebt werden.

Kosmos der Weisheit und Urweltweisheit

Die spirituelle Beschreibung des Werdens von Erde und Menschheit spricht von Vorstufen des Sonnensystems und des heutigen Planeten Erde, die in geistigen Wirklichkeiten gründen, aus deren Manifestationen aber der vierstufige Aufbau der gegenwärtigen irdischen Realität – nach mineralischem, pflanzlichem, tierischem und menschlichem Reich sowie nach den klassischen vier Elementen des Festen, des Wässrigen, des Luftigen und des Feurig-Wärmehaften – erklärbar wird. Die Entwicklung der übersinnlich zu erforschenden Viergliedrigkeit des Menschen nach physischer, ätherischer, astralischer und ichhafter Seinsweise ergibt sich in dieser Perspektive als die Folge des planetarischen Werdens und der vorausgegangenen planetarischen Manifestationen. In knapper Form seien die Grundzüge dieser Entwicklung hier zusammengefasst.

Die planetarische Vorstufe der Erde, die als der „Alte Saturn“ bezeichnet wird, bildet sich zu reiner Wärmesubstantialität, innerhalb welcher hohe hierarchische Geistwesen (die Throne oder Geister des Willens) das Reich der Menschen vorveranlagen insofern, als hier die aus bloßen Wärmeströmungen bestehenden ersten Keime zur physischen Leiblichkeit des Menschen gelegt werden. Diese Manifestation zieht sich nach ihrer vollen Entfaltung in ein Nicht-Manifestes zurück.

Es folgt eine Vorstufe, die als die „Alte Sonne“ bezeichnet wird. Innerhalb ihrer fortschreitenden Ausbildung manifestiert sich das zuvor Erreichte als die Grundlage, auf der neue schöpferische Impulse wirksam werden können. Aus der wiederbelebten Wärmesubstantialität entwickelt sich Licht und Luftartiges. Hohe hierarchische Wesenheiten (die Kyriotetes oder Geister der Weisheit) bilden die Menschenkeime derart weiter aus, dass in die Anlage des Physischen Ätherisches sich einwebt, welches sie belebt. Der Menschenvorfahr wird dadurch pflanzenähnlich. Gewisse Gebilde, die diese Stufe nicht erlangen, werden zu den Vorläufern des Tierreiches. Auf die vollständige Manifestation folgt wiederum ein Rückzug ins Nicht-Manifeste.

Eine dritte Vorstufe heißt der „Alte Mond“. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Verdichtung der Bildungen, die zunächst – wie in Wiederholungen von Früherem – sich wieder bis zu der Stufe des auf der „Alten Sonne“ Erreichten darstellen. Nun entstehen im feineren Bereich Klang- und Tonqualitäten, im Zuge der Verdichtung jedoch kommt es zur Ausbildung von Flüssig-Wässrigem, das schließlich bis zu einer Art zähflüssiger Substanz werden kann. Wie in den Planetenkörper des „Alten Mondes“ so werden von hohen Geistwesen (den Dynameis oder Geistern der Bewegung) auch in die Menschenanlage flüssige Anteile eingegliedert, zudem werden die Menschenvorfahren mit Astralität, mit einer Seelenleiblichkeit begabt, was sie in einer ganz anfänglichen Weise beseelt. Der Menschenvorfahr ist somit tierähnlich. Nicht die volle Entwicklung mitvollziehende Gebilde werden zu weiter ausgebildeten Vorläufern des Tierreiches oder zu ersten Anlagen des heutigen Pflanzenreiches. Die volle Manifestation geht letztlich wieder ins Nicht-Manifeste über.

Erst mit der vierten Stufe, der eigentlichen „Erde“ ergeben sich der hellseherischen Forschung im Rückblick auf frühere Stadien, so Rudolf Steiner, Verhältnisse, die tatsächlich eine menschliche Daseinsform ermöglichen. Zu den elementarischen Zuständen Feuer-Wärme, Luft und Wasser kommt nunmehr das Feste, Mineralische hinzu – wie auf der subtilen Ebene zu Wärme, Licht und Klang gestaltende Lebenskeimkräfte hinzutreten. Die menschliche Form „verdichtet“ sich bis zu einem mineralischen Leib, in welchen von hohen Wesen, den Elohim (auch Exousiai oder Geister der Form), dem einzelnen menschlichen Individuum die Ich-Natur eingeprägt wird. Der Mensch empfängt den geistigen Funken seines Ich. Frühere Daseinsformen, die nicht die volle Entwicklung mitmachten, werden in der Folge als das tragende Mineralreich, als Pflanzen- und Tierwelt zu der unverzichtbaren Lebensgrundlage für den Menschen. Dass die weitere Entwicklung des Menschen – im Zuge seiner zunehmenden Individualisierung – eine durchaus dramatische ist, sei mit dem Hinweis auf den urmenschheitlichen Sündenfall angedeutet.

Das gesamte kosmische Erbe, das der Erde vom „Alten Saturn“, von der „Alten Sonne“ und vom „Alten Mond“ her zuteil wird, und das die Menschheit den erwähnten hohen Geistwesen verdankt – den Thronen (Geistern des Willens), den Kyriotetes (Geistern der Weisheit) und den Dynameis (Geistern der Bewegung) –, fasst Rudolf Steiner dahingehend zusammen, dass er es als den „Kosmos der Weisheit“ bezeichnet. „Weisheit“ ist dabei die Benennung für alle drei angeführten Klassen von Geistwesen. Durch die von ihr, der Weisheit geleistete Arbeit können die Erdenmenschen mit sämtlichen anderen Wesen ihrer Welt in Weisheit zusammenstimmen, insbesondere mit den Wesen der drei Naturreiche. Die höhere Bestimmung des Menschen ist es jedoch, aus seinem Ich heraus die naturgegebene Erdenwelt als den „Kosmos der Weisheit“ in einer Steigerung zu einem „Kosmos der Liebe“  umzuwandeln. Und das göttliche, kosmische und endlich auch menschgewordene „Vorbild der Liebe“ dafür ist in dem hohen Sonnenwesen, dem Christus zu erblicken, ohne den der Mensch das Ziel seiner Bestimmung nicht erreichen könnte.[iii]

Die großen Menschheitsführer, die aus Mysterienhintergründen heraus die bedeutsamen nachatlantischen Kulturen begründeten, wie die sieben heiligen Rishis die uralt-indische Kultur, Zarathustra die urpersische, Hermes Trismegistos die ägyptische, bezogen ihre Wirksamkeit aus Quellen, aus denen ihnen Ströme einer „Urweltweisheit“ zuflossen, einer Weisheit, die sich allerdings durch die Jahrtausende hindurch immer mehr abschatten und verdunkeln sollte, so dass sie schließlich, seit der Zeitenwende etwa, nur noch in verborgenen östlichen und westlichen Mysterienstätten zugänglich war. Um diese vorweltliche Weisheit oder Sophia (die hier angesprochen zu sein scheint) in ihrer ursprünglichen „wahren, höchsten Gestalt“ anzutreffen, müsse der Geistesforscher jedoch, so Rudolf Steiner, zurückgehen zu jenen Zeiten, da es noch keine äußere, sichtbare Erde, noch keine für die Sinne existierende Welt gab. Die göttlich-geistigen Wesenheiten, die Weltenschöpfer, haben aus ihr die Welt gebildet – Throne, Kyriotetes und Dynameis. In späteren Zeiten aber, im Verlaufe der Erdenentwicklung hat die Urweltweisheit Gestaltungen angenommen, in denen auch die Menschen ihrer teilhaftig wurden. Der Mensch konnte – im Lichte der Mysterien, aus denen heraus die nachatlantischen Kulturen begründet worden waren – die vorweltliche Weisheit und ihre Gedanken, nach denen die Welt gebildet worden war, während der ersten Erdenzeiten noch unmittelbar als großartige Offenbarungen schauen: in Imaginationen, die von Inspirationen und Intuitionen durchsetzt waren. Der da erfahrbaren rein göttlich-geistigen, wahren Wesenheit der vorweltlichen Sophia gegenüber bedeuteten aber selbst die höchsten Lehren der sieben heiligen Rishis, die Veden, Upanishaden usw., waren sie erst in Menschensprache gefasst, nur noch eine blasse Abschattung.[iv] Um wie viel mehr war dies so, als die naturgegebene geistige Schau der Menschen sich zunehmend verdunkelt hatte, bis einzig der Schein noch, die Maya der physisch-sinnlichen Welt als das Wirkliche aufgefasst wurde.

Schweigende, trauernde Isis

In den altägyptischen Hermes-Mysterien konnten die Eingeweihten, zunächst stehend vor dem großen Rätsel ihres eigenen Inneren, ein geistiges Erleben davon haben, wie an den jenseitigen Ufern des „weltallweiten Daseins“ eine Gestalt sie erwartete, deren irdisches Abbild sie immer nur als stumm und unenthüllt in ihrem Geheimnisraum wohnend gekannt hatten. Sie hatten immer schon geahnt, dass sie ihr eigenes Inneres erst dann wahrhaft erkennen sollten, wenn sie erfahren würden, wer diese stumme Gestalt im tiefsten Sinne ist. Hier nun aber, im rein geistigen Erleben, wenn sie der Rätselgestalt lange genug eine intensive Sehnsucht, sie zu erkennen, entgegengebracht und wenn sie gelernt hatten nicht irdisch, sondern mit den Augen des eigenen ewigen Wesens zu schauen, das nach dem Tode nicht vergeht und die Verkörperungen überdauert, hier konnten sie dann desjenigen gewahr werden, was diese Gottheit ihnen offenbarte. Der Eingeweihte erfuhr aus der Vereinigung seiner Sehnsucht mit der von ihrer Gestalt ausströmenden Weltenwärme und dem von ihr ausgehenden geistigen Licht den Vorgang einer überirdischen Geburt. Es war die Erfahrung des aus „Isis in der Gemeinschaft mit Osiris“ geboren werdenden schöpferischen Weltenwortes und der aus ihr ertönenden Sphärenharmonie. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, wurde so, indem sie ihn überzeitlich und überräumlich wiedergebar, auch zur Mutter des neuen Osiris.

Die Tragik der ägyptischen Mysterien ist es jedoch, dass in späteren Zeiten – auch für den Eingeweihten – Isis stumm blieb. Rudolf Steiner gab für ihr Verstummen jene Zeit des „Neuen Reiches“ an, da unter Moses das Volk der Israeliten aus Ägypten in das gelobte Land auszog. Denn Moses nahm da das Osiris-Geheimnis mit sich, er ließ Isis ohnmächtig und trauernd in Ägypten zurück, die Weltenmutter, die fortan verstummte und hinter ihrem Schleier verborgen blieb. Durch die dem Moses zuteil gewordene Osiris-Einweihung aber wurde er befähigt, in dem brennenden Dornbusch jene alle weitere hebräische Geschichte bestimmende Begegnung mit dem zu haben, der ihn das „Ich bin der Ich-Bin, ejeh asher ejeh“ vernehmen ließ.[v]

Die Eingeweihten der uralt-indischen Zeit nannten dasselbe hohe Sonnenwesen den Vishvakarman, die der urpersischen Zeit nannten es Ahura Mazdao und diejenigen Ägyptens Osiris. Unter dem Namen Jahve wurde dieses Wesen als jener, welcher zu Moses gesprochen hatte „Ich bin der Ich-Bin“, für die Vertreter des hebräischen Volkes zu der Vorverkündigung des Christus. Als eine kosmische Wesenheit aber ist der Christus zu verstehen als der am weitesten fortgeschrittene Führer der Kyriotetes, als der „Herrscher“ der Entwicklung auf der „Alten Sonne“ – ein Kyrios also, der zu der Zeit der „Alten Sonne“ das unaussprechliche Weltenwort ganz in sich aufgenommen hatte, wie es aus zwölf kosmischen Richtungen in die Welt der „Alten Sonne“ eingestrahlt war, und der durch diese Tat zu dem Mittelpunktswesen der gesamten weiteren kosmischen Entwicklung wurde, und die Sonne mit ihm.[vi] Derselbe war es gewesen, der die übrigen Sonnenwesen auch während der frühesten Erdenzeiten anführte und zu dem die sieben heiligen Rishis, Zarathustra, Hermes und Moses aufblickten. Als dieser heißt er schließlich der „Sonnengeist der Weisheit“, umfassender als die Sphäre der Geister der Bewegung, der Dynameis, durch den als „Tor“ und „Einlass“ der Christus-Logos während dreier Jahre in die Erdenwelt hereinleuchtete.[vii]

Ist Osiris in der ägyptischen Einweihung stärker in Verbindung mit dem schöpferischen Weltenwort zu sehen, so die Isis mehr in Verbindung mit dem flutenden Tönenden, welches – aus ihr hervorgehend – das Weltall als die Sphärenharmonien durchdringt. Die wahre Wirklichkeit des Astralleibes, des Sternenleibes, auch des heutigen Menschen ist dieselbe Welt der Sphärenharmonien.[viii] Als die eigentliche Ursprungswesenheit für die reine Astralität des Menschen verkörpert Isis vor allem die Entwicklung des „Alten Mondes“. So begegnet man ihr in der ägyptischen Ikonographie denn auch oft in Verbindung mit dem Mondsymbol. Der kosmische Christus hingegen, den der Ägypter in Osiris erschaute, verkörpert in einer noch umfassenderen Art die „Alte Sonne“. Dass beide als ein geschwisterliches Paar, als Gemahl und Gemahlin erlebt wurden,[ix] weist durchaus auf ihre Zugehörigkeit – als kosmische Wesenheiten – zu den Geistern der Weisheit, den Kyriotetes – neben dem Kyrios könnte man von einer Kyria sprechen. Isis, als die hohe, erhabene Gottheit, die immer aufs Neue das Weltenwort als das Geisteskind wiedergebar – für die Mysterienschüler Ägyptens musste sie verstummen. Und einzig ihr Bild, die Isis mit dem Horuskinde, blieb der Nachwelt erhalten.

In den Zeiten nach dem Christusereignis tritt allerdings die Gestalt der Göttin Isis mit dem Kinde neu belebt und umgestaltet wieder auf, und zwar in der abendländischen Kunst als die Madonnenabbildungen mit dem Jesuskind. Insbesondere die Sixtinische Madonna des Raffael gibt dafür ein leuchtendes Beispiel. Das Isis-Geheimnis wird nun – nachchristlich –, nachdem es sich kosmisch nicht mehr offenbarte, ganz verinnerlicht erfahrbar im Sinne eines Urbildes dafür, wie die einzelne menschliche Seele sich von dem göttlichen Vatergeist befruchten lassen kann, um als eine geistige Sonne gleichsam das Weltenwort aus sich heraus gebären zu können. Erscheint dies auch in einem gewissen Sinn als leicht nachvollziehbar, so verkörpert doch die Gestalt der Madonna bis heute „das größte Menschheitsproblem“.[x] Denn aus dem Bild der „Maria-Isis“ soll zukünftig ein immer durchdringenderes Verständnis der „neuen Isis“ als der „heiligen Sophia“ erwachsen. Bevor dieser Zusammenhang in adäquater Weise näher betrachtet werden kann, ist der Horizont der Sophia-Frage jedoch in einer anderen Blickrichtung noch zu erweitern. Denn mit dem „Abstieg“ der kosmischen Weisheit in das Innere der Menschenseele ist eine Reihe weiterer, folgenschwerer Entwicklungen verbunden, die nicht zuletzt auch die Wesenheit des Luzifer betreffen.

Luzifer

In denjenigen Zeiten, in denen die unmittelbare geistige Schau auch für die Eingeweihten der vorchristlichen Mysterien immer weiter verdämmerte und die Urweltweisheit immer weniger in Imaginationen, von Inspirationen und Intuitionen durchwebt, geschaut werden konnte, ereignete sich im fernöstlichen Asien eine menschliche Geburt von weitreichender Bedeutung, blieb sie auch für die äußere Geschichtsschreibung gänzlich unerkannt. In den Kreisen einer vornehmen, eingeweihten Priesterschaft kam im chinesischen Gebiet ein Knabe zur Welt, der durch sein späteres Wirken das Verhältnis der Menschheit zu aller vorchristlichen Weisheit grundlegend verändern sollte. Schon als er noch ein Kind war, nahm er – aufgrund von besonderen Inspirationen der besagten Priester – an den Zeremonien der dort gepflegten ostasiatischen Mysterien teil. Und als der Knabe zum Mann erwachsen war und sein vierzigstes Jahr erreicht hatte, vollzog sich etwas, das die Mysterienpriester prophetisch bereits vorhergesehen hatten. Denn es zeigte sich, dass dieser Mensch auf einmal den Sinn all dessen, was in den Mysterien zuvor nur als Offenbarungen sich ergeben hatte, aus seiner eigenen menschlichen Urteilskraft heraus zu erfassen begann.

Es handelte sich bei dieser Inkarnation, so Rudolf Steiner, um nichts Geringeres als eine tatsächliche Inkarnation Luzifers, einer hohen, stolzen Geistwesenheit, die auf eine weite kosmische Vergangenheit zurückblickt – ähnlich wie der Christus und wie Isis-Sophia. Wurde Isis als die geschwisterliche Gemahlin des Osiris dargestellt, d. h. die vorweltliche Sophia als weibliches Gegenüber des führenden kosmischen Sonnenwesens des Christus, so kann man in einem vergleichbaren Sinne, mit Blick auf die Entwicklung der „Alten Sonne“ auch den führenden Sonnengeist Christus und Luzifer als „eine Art Brüder“ ansprechen. Luzifer ist ursprünglich selbst dem hierarchischen Rang der Kyriotetes zuzuordnen.[xi]

Von jener ostasiatischen Inkarnation Luzifers aber, die sich ungefähr dreitausend Jahre vor Christus ereignete, ging in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden, bis in das 4. Jh. nach Christus, all dasjenige aus, was als die orientalische und vorderasiatische Weisheit sich entfaltete. Diese Luziferweisheit und Luziferkultur strahlte aus über ganz Asien in den Westen, bis in den Mittelmeerraum hinaus und inspirierte auch die Welt der Griechen. Luziferische Weisheit war es denn ebenfalls, die als die heidnische und christliche Gnosis auftrat, in der allerletztes Mysterienlicht auf die Menschwerdung Christi und das Ereignis von Golgatha fiel. Ohne jenes gnostische, luziferische Licht wäre die Inkarnation des Christus zu der damaligen Zeit, da das geistige Schauen fast ganz verloren war, eigentlich nicht mehr zu verstehen gewesen.[xii]

Das Luziferische hatte durchaus unrechtmäßig in die menschliche Entwicklung eingegriffen, die Leidenschaften und Begierden der Menschen hatte es angeschürt und den Samen stolzen Aufbegehrens in die Seelen gelegt. Es hatte aber auch, so Rudolf Steiner, zum Guten gewirkt, indem es dem Menschen Freiheit durch eigenes Erkennen brachte. Hatte die Erkenntnis, die Luzifer brachte, der „Lichtträger“ oder „Lichtbringer“, in frühen Erdenzeiten zunächst mehr auf die irdische, äußere Welt gezielt, so vollzog sich gegen die Zeitenwende eine immer stärkere Wendung der luziferischen Weisheit nach außen, in das Kosmische – und dies geschah fraglos in der Folge der oben beschriebenen menschlichen Inkarnation Luzifers.

Ungeläuterte Seelen konnten zu der luziferischen Weisheit aber kein gedeihliches Verhältnis gewinnen, vielmehr erlebten sie, wenn sie sich in das luziferische Reich hinein begaben, dessen Wesenheiten nur als wilde Dämonen, als Zerrbilder. Die kosmische Lichtoffenbarung Luzifers konnten nur eingeweihte, gereinigte Seelen erfahren. In der nachchristlichen Zeit waren es die Eingeweihten des Grals und des wahren Rosenkreuzertums, die es vermochten in dem neuen kosmischen Licht Luzifers die Tatsachen des Christentums ihrem tiefsten Gehalt nach zu verstehen.[xiii] Es heißt dazu bei Rudolf Steiner: „Den Christus beschreiben, verstehen, so wie man die anderen Erscheinungen und Erlebnisse der Welt versteht, und dadurch erst seine Größe, seine Bedeutung für die Welt, seine Ursächlichkeit für das Weltgeschehen einzusehen, ist nur möglich, wenn der christlich-mystische Eingeweihte weiter aufsteigt zur Erkenntnis der luziferischen Reiche. Luzifer gibt uns also innerhalb des Rosenkreuzes die Fähigkeit den Christus erst zu schildern, zu verstehen.“ Und: „Die Erklärung des Christus durch die an Luzifer gesteigerten und erleuchteten Geistesfähigkeiten, das ist das Innere, der Wesenskern der Geistesströmung, die im Abendlande erfließen muss. Und was ich gesagt habe, ist gegenüber der Zukunft die Sendung des Rosenkreuzes.“[xiv]

Indem Luzifer sein kosmisches Licht zur Erkenntnis des Christusereignisses  zur Verfügung stellt, verwandelt er sich, so die Erkenntnisse der anthroposophischen Geisteswissenschaft, in ein Gutes, ja er verwandelt sich dahin, dass er, indem er Erkenntnislicht spendend dem Christus dient, zu einer Stufe gelangt, auf der er als Heiliger Geist angesprochen werden kann. Die Umwandlung, die Luzifer da erfährt, geht so weit, dass davon die Rede ist, dass er nun „in einer neuen Gestalt aufersteht“. Die fortgeschrittenen Geister, die als die Meister die spirituelle Entwicklung der Menschheit lenken, die zwölf Individualitäten, die in der führenden Loge der „Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen“ vereinigt sind, haben ihn als den Dreizehnten in ihrer Mitte, um von ihm zu empfangen und in die neuen Mysterienschulen weiterzuleiten alle die Weisheit, die die Menschheit zum freien, selbstbewussten Verständnis des Christus und des Ereignisses von Golgatha benötigt.[xv]

Sophia in der Philosophie

Während das alte Mysterienwissen im obigen Sinne luziferisch wurde und während Isis verstummte, vollzog sich eine weitere Manifestation des kosmisch-wesenhaften Weisheitselementes, indem eine erhabene geistige Wesenheit in die Menschenwelt eintrat, um in ihr eine Entwicklung zu beginnen, die nach dem Bilde einer menschlich-biographischen Entwicklung zu verstehen ist. Aus der Sphäre der Entwicklung der „Alten Sonne“, aus dem Range der Geister der Weisheit oder Kyriotetes, senkt sich ein erhabenes Weisheitswesen in die Menschheitsentwicklung ein und nimmt in ihr eine Art eigenen Lebenslauf auf, der sich ausdrückt in dem Werden der Philosophie. Wie der einzelne Mensch seine Biographie in den entwicklungsgesetzlichen Siebenjahrs-Schritten unternimmt, in denen er seine Wesensglieder fortschreitend ergreift, durchdringt und weiter bildet, so schreitet das Wesen der Philosophia in 700-Jahres-Schritten voran. Indem sie dies aber in alter „Sonnengesetzlichkeit“ tut, verwirklicht sie dabei zugleich ein Wesensverhältnis mit bestimmten Erzengelwesen, die in ihrer Entwicklung inzwischen zurückgeblieben sind und heute in ahrimanischem Sinne wirksam sind.

Ihr Eintritt in die Verkörperung innerhalb der menschheitlichen Entwicklung muss um das Jahr 2100 v. Chr., die Zeit Abrahams gelegen haben. In der Zeit 1400-700 v. Chr. ging es für dieses erhabene Weisheitswesen um die Ausbildung ihres Ätherischen, denn die Vorläufer der Philosophie waren noch stark elementarisch gehalten und von den Temperamenten her geprägt. Im dritten 700-800-Jahres-Abschnitt, in einer Zeit, in welcher die Gedanken noch wie von außen kommend wahrgenommen wurden, erblühte die junge Philosophie unter Sokrates, Platon und Aristoteles. Diese Zeit entspricht der Ausbildung des Empfindungsleibes. Christlich verinnerlichte Empfindung prägte den vierten Abschnitt der Ausbildung der Empfindungsseele der sich in der Menschheit inkorporierenden Philosophia – beim Menschen die Zeit von 21 bis 28 Jahren. In den Jahrhunderten nach Scotus Erigena folgte für dieses Sophia-Wesen die Zeit der Ausbildung der Verstandesseele und seit dem 16. Jh. etwa durchlebt sie ihre Entwicklung der Bewusstseinsseele. Sie steht vergleichsweise, so Steiner, „heute in ihren vierziger Jahren“ und ihre Entwicklung zielt als nächstes auf die Ausbildung des Geistselbstes. Um aber der angedeuteten ahrimanischen Belastung nicht zu verfallen, muss dieses Sophia-Wesen und mit ihm das philosophische Denken nun in die Geisteswissenschaft einmünden.[xvi]

Von denselben Zusammenhängen handelte Rudolf Steiner bereits 1913, anlässlich der 1. Generalversammlung der ersten Anthroposophischen Gesellschaft. Der Mensch der Bewusstseinsseele müsse wieder zu einer „Sophia“ kommen. Wie der antike Mensch ausrufen konnte: „Ich liebe die Sophia!“ und wie ein Dante Alighieri der Philosophie gegenüberstehen konnte als einer realen, wirklichen Wesenheit, so sei ein Vergleichbares auch in der Gegenwart wiederum die Aufgabe (vornehmlich für die Schüler der Geisteswissenschaft), wenn es von jetzt an um die Vorbereitung und Ausbildung des menschlichen Geistselbstes geht. Die so verstandene neue Sophia wird der Mensch in seiner Bewusstseinsseelenentwicklung ganz an sich heran zu bringen haben, sie wird in ihn eintreten und verwandelt wieder aus ihm hervorgehen und künftig das Wesen des Menschen in sich tragen, um es in seiner Vollständigkeit dem Erkennenden vor die Seele stellen zu können. So wird die neue Sophia künftig einmal geworden sein zu der Anthroposophia.[xvii]

Die Jungfrau Sophia in der christlichen Esoterik

Es wurde oben schon deutlich, dass zwischen der im alten Ägypten als die Göttin Isis erlebten Sophia und der jungfräulichen Mutter des Jesuskindes, die in den zahlreichen Madonnenbildern der abendländischen Kunst gezeigt wird, eine tiefe, innige Beziehung besteht. Nun ist die jungfräuliche Mutter nicht nur eine heils- und kunstgeschichtliche Gestalt, die auf Ereignisse in der Vergangenheit verweist, sondern sie ist zugleich Bild für innere Vorgänge, die gesetzmäßig für den eintreten, der sich einer christlichen spirituellen Schulung unterzieht. Um nämlich in der Erkenntnisbestrebung über die leiblich-seelische Gebundenheit an das gegenständliche Alltagsbewusstsein hinauswachsen zu können, bedarf es tiefgreifender Veränderungen im Seelenleben des Schülers. Dazu gehört in erster Hinsicht die Verwandlung seiner leidenschaftlichen, triebhaften Strebungen im eigenen Astralischen, wie sie darin regsam sind, seit die Menschheit sich auf Luzifer eingelassen hatte. Nicht nur brachte Luzifer, wie gezeigt, Freiheit durch eigenständiges Erkennen, sondern er führte die Menschen auch tiefer in die physische Leiblichkeit hinein, so dass die astralischen Leiber trieb- und begierdenhafter gerieten, als es von den Schöpferwesen beabsichtigt gewesen war.

Die Läuterung oder Katharsis auf dem inneren Pfad hat entscheidend zum Inhalt, dass das Astralische von allem Trüben und Ungeordneten gereinigt wird, dass das Seelische immer mehr vom Licht des Bewusstseins erhellt wird und dass die in ihm regsamen Strebungen umgewandelt werden und sich – frei von allem Selbstgenuss – als neue, reine Fähigkeiten gänzlich auf das Höhere und Göttliche auszurichten beginnen. In dem Maße, in dem dies dem Schüler gelingt, bilden sich innerhalb seines Astralischen die höheren Erkenntnisorgane aus, die auch in der östlichen Esoterik als die sieben Lotosblumen bekannt sind. Aufgrund der so erlangten, zuerst noch zarten, reinsten Hingabefähigkeit des Astralischen für Höheres kann nun anfänglich das äußere Geistige erleuchtend in ihn einströmen. Der Schüler steigt von der Katharsis zu dem so genannten Photismos auf, zur Erleuchtung. Diese besteht darin, dass der erneuerte, geläuterte Astralleib seine für das Höhere empfänglichen Erkenntnisorgane in die Gesamtorganisation, insbesondere in den Lebensleib einprägt, wodurch es dem Schüler möglich wird, sich die geistigen Inhalte seines Erleuchtungslebens zum vollen Bewusstsein zu bringen.

Diesen gereinigten, geläuterten astralischen Leib nannte die christliche Esoterik seit langem schon die „reine, keusche, weise Jungfrau Sophia“. Der Schüler reinigt und läutert durch alles, was er in der Katharsis aufnimmt, seinen astralischen Leib zu der „Jungfrau Sophia“. Als eine solche wird der christliche Esoteriker dann überleuchtet oder „überschattet“ von „Heiligem Geist“, durch den befruchtet er die Geistigkeit des kosmischen „Welten-Ich“ in sich aufzunehmen vermag. Die jungfräuliche Mutter Jesu war zur Zeitenwende das lebendige Urbild gleichsam für diese inneren Wirklichkeiten. In den esoterischen Schulen hieß sie selbst denn auch immer: die „Jungfrau Sophia“.[xviii] Durch innerlich-imaginierendes Üben wird einem die siebenfältige Organisation der erweckten Lotosblumen zudem auch in der apokalyptischen kosmischen Sophia-Gestalt erlebbar werden können. Das in den sieben Lotosblumen lebendige, verwandelte Astralische bildet die Grundstruktur des ersten geistigen Wesensgliedes des Menschen, des Geistselbstes. Durch die „Überschattung“ mit Heiligem Geist aber wird dieses Geistselbst erst in seine volle Wirksamkeit erhoben. Dass insbesondere das menschliche Astralische seiner ursprünglichen, reinen Natur nach und damit zugleich seiner zukunftsoffenen Umwandlungsfähigkeit nach in einer innersten Verbindung mit der Sophia der Welt oder mit Isis steht, war oben bereits vorsichtig angedeutet worden. Die eigentliche Natur des menschlichen Astralleibes besteht ja in nichts anderem als demjenigen, was die Wesenheit des Menschen zwischen Tod und einer neuen Geburt erfährt, indem sie die Welt der Sphärenharmonien durchwandert. Die das All durchtönenden Sphärenharmonien selbst sind wiederum, wie gezeigt, reinste Wesensausstrahlungen von Isis-Sophia.[xix]

Die Suche nach der neuen Isis

Die moderne Menschheit, die den Impuls in sich trägt, während der fünften nachatlantischen Kulturzeit die Bewusstseinsseele – als die Grundlage für eine spätere Erlangung des Geistselbstes – zur vollen Ausbildung zu bringen, hat sich in Verbindung mit diesem Impuls in vielfältiger Art den Todesprozessen ausgesetzt, die in der Welt vorhanden sind. Damit hängt es zusammen, dass der moderne Mensch zu einem Weltbild neigt, welches dahingehend luziferisch beeinflusst ist, dass alles in der Welt wirkende Moralische für das Verstehen ausgelöscht werden soll. Alle Naturerkenntnis soll in diesem Sinne ein bloßes Ineinandergreifen amoralischer Kräftewirkungen ergeben. Gerade aber in den moralischen Kräften des Menschen liegen die Quellpunkte und Zukunftskeime für spätere Weltzustände. Das unverwandelte Luziferische will so den Menschen der Bewusstseinsseele vor allem von der Einsicht abschneiden, dass mit der Geburt zu Bethlehem die Möglichkeit der allerstärksten Moralität in die Welt gekommen ist. Diese Wahrheit offenbarte den Hirten auf dem Felde und den drei Magiern aus dem Morgenlande die göttliche Sophia, bevor sie endgültig verstummen musste.

Es war Luzifer, der sich der kosmischen Weisheit bemächtigt hatte, der Isis, die göttliche Sophia, überwältigt und getötet hat, so dass sie von der Menschheit nach dieser Zeit nicht mehr gefunden und vernommen werden konnte. Wie Typhon, der dem altpersischen Ahriman entspricht, im altägyptischen Mythos den Osiris tötete, ihn zuerst in den Nil und später in die Erde versenkte, so tötete nun Luzifer Isis, die göttliche Weisheit. Er versetzte sie daraufhin hinaus in die Weltenräume, wo der Mensch heute nur noch nach mathematischen Gesetzen geordnete Sternenzusammenhänge erblicken kann, nicht mehr aber das, was in lebendigen Imaginationen und Inspirationen das Walten des Moralischen in der Welt aus ihrem Innersten heraus verständlich macht.

Eine weitere Folge der durch den unverwandelten Luzifer verschuldeten Abtrennung des Naturverstehens von allem Moralischen ist in einer durch die Jahrhunderte hindurch zunehmend „verluziferisierten Theologie“ zu erkennen, die es vermag selbst den Gottmenschen, den Jesus Christus für nichts anderes als einen einfachen Menschen aus Nazareth zu halten. Auch die in dieser Weise luziferisch beeinflusste Theologie war gegen das 19. und 20. Jh. nicht mehr im Stande, die immer weiter aufgerissene Kluft zwischen der Naturordnung und der moralischen Weltordnung wirkungsvoll zu überbrücken.

Der Mensch hat heute die Aufgabe, vor allem, wenn er die anthroposophische Bewegung mit verwirklichen will, mit der Christuskraft, die ihm seit Golgatha gegeben ist, zunächst zu suchen die Isis, damit der Christus in seiner gegenwärtigen Gestalt wahrhaft erscheinen kann. Was die Menschheit verloren hat, ist nicht der Christus – wie er als Osiris den Ägyptern verloren gegangen war –, sondern es ist die lebendige Anschauung, die Erkenntnis des Christus. Und diese wird die Menschheit zukünftig von Isis, der heiligen Sophia erlangen, wenn sie wieder gefunden sein wird.[xx] So heißt es bei Rudolf Steiner:

„Nicht dadurch, dass von außen allein etwas eintritt, wird der Christus im Laufe des 20. Jahrhunderts wieder erscheinen in seiner Geistgestalt, sondern dadurch, dass die Menschen jene Kraft finden, die durch die heilige Sophia repräsentiert wird. Es lag die Tendenz im Laufe der neueren Zeit darin, gerade diese Isiskraft, gerade diese Marienkraft zu verlieren. Sie ist getötet worden durch all dasjenige, was im Bewusstsein der Menschheit heraufgezogen ist. Und die neueren Bekenntnisse haben zum Teil gerade die Anschauung über die Maria ausgerottet. – Das ist dasjenige, was gewissermaßen das Mysterium der modernen Menschheit ist, dass im Grunde genommen Maria-Isis getötet worden ist, dass sie gesucht werden muss, so wie Osiris gesucht worden ist drüben in Asien, gesucht werden muss in den weiten Himmelsräumen mit der Gewalt, die der Christus in uns auslösen kann, wenn wir uns ihm im rechten Sinne hingeben.“[xxi]

Die Befähigung Isis, die heilige Sophia, die das Urbild der jungfräulichen Gottesmutter Maria ist, auch im Kosmos draußen, in ihrer ursprünglichen und zukünftigen göttlichen Gestalt wiederzufinden, beruht aber auf jenen Umwandlungen der menschlichen Astralität, die im Sinne der spirituellen Schulung die Katharsis darstellen und von denen oben schon die Rede war. Selbstverständlich bleibt hier eine nicht unerhebliche Erkenntnisspannung zwischen Luzifer und der heiligen Sophia bestehen. Denn einmal bringt er, einmal wird sie die wahre, lebendige Erkenntnis der Christustatsachen bringen.

Das Geheimnis der sophianischen Astralität

Der Geisteslehrer weist mit seinen vielschichtigen Darlegungen über das wahre Wesen der Isis-Sophia und mit der Aufgabe, sie in den intensivsten Bestrebungen zu suchen, um sie für die Menschheit wiedererstehen zu lassen, auf die Zukunft. Ebenso handelt es sich bei dem Impuls über die Bewusstseinsseele hinaus auch das erste geistige Wesensglied, das Geistselbst auszubilden, um einen Zukunftsimpuls. Die Isis, die der Menschheit erstarb, und auch das Wesen des Astralischen, wie es vom „Alten Mond“ her wurde und wie es sich seit der luziferischen Versuchung weiter entwickelt hat, weisen nun zurück auf gewaltige Vergangenheiten.

Das wahre Wesen menschlicher Astralität ergibt sich jedoch nicht vorrangig einem geistig forschenden Blick in die Vergangenheit, denn sie, genauer der menschliche Astralleib, stellt nicht eigentlich ein Ergebnis von Gewesenem dar, sondern eine Art Vorwegnahme von Noch-nicht-Seiendem. Die entscheidende Dynamik des Astralischen ist zukunftsgerichtet und liegt in der Begehrungskraft, in der Möglichkeit auf etwas aus zu sein, etwas zu wollen. Der Vorstellungs- und Gedächtnispol des menschlichen Seelenlebens ist nämlich stärker durch das Ätherische als durch das Astralische bedingt. Alle Begehrungen und Wünsche wiederum, alles Interessiertsein des Astralischen beruht – einer großartigen Erkenntnis Rudolf Steiners zufolge – nicht auf einer Entwicklung, die sich im Sinne des herkömmlichen Zeitbegriffs von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft erstreckt, sondern auf einer Entwicklung, die von einem umgekehrten Zeitfluss getragen ist, welcher aus der Zukunft herkommt und über die Gegenwart in die Vergangenheit übergeht.[xxii] Diese psychosophischen Gesichtspunkte führten für Rudolf Steiner zu den folgenden Benennungen:

„Namen sind da ganz gleichgültig, aber ich möchte doch solche Namen wählen, wie sie derjenige wählt, der vom Standpunkte der Hellsichtigkeit die Dinge anschaut und sie daher wirklich ineinander fließen sieht, Namen aus der Geisteswissenschaft, durch welche Sie in der Psychosophie wiedererkennen werden, was Sie in der Geisteswissenschaft gelernt haben. Bezeichnen wir daher den Strom, der die für den Moment unbewussten Vorstellungen birgt, der aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft fließt, als den Ätherleib, und den anderen Strom, der von der Zukunft in die Vergangenheit geht, der sich mit dem ersteren staut und zum Schnitt bringt, als den Astralleib. Und was ist das Bewusstsein? Das sich gegenseitige Treffen des Astralleibes und des Ätherleibes.“[xxiii] Zu ihm kommt urteilsbildend der vertikale, geistesgegenwärtige Ich-Einschlag hinzu.

Alles Temperamentsmäßige ist im ätherischen Leib des Menschen verankert, auch die Cholerik. Und jedes der vier Temperamente verhält sich in seiner Weise typisch zu dem Fließen der Zeit. Bedingt sind die vier Temperamente stets durch die Strömung aus der Vergangenheit. Ihrer Entfaltung aber begegnet etwas, das ihnen aus der Zukunft entgegenströmt und das der Mensch aufnehmen kann, wenn er etwa gelernt hat sich in hohem Maße in Geduld zu üben. Es kommt dem Menschen aus der Zukunft entgegen Weisheit, gottgeschenkte Weisheit. Wenn der esoterische Schüler aufgrund der Ausbildung einer gewissen Demut und Bescheidenheit dieser Weisheit gegenüber zu dem Erlebnis kommt, dass sie beginnt, in sein Ätherisches einzuströmen und ihn zu erfüllen, wird er eine ganz bestimmte Erfahrung machen. Diese besteht darin, dass er das Leben fortgehen, fortschwimmen fühlt mit dem Strom der Zeit.[xxiv] Mit Rudolf Steiners Worten: „Und der Strom der Weisheit ist etwas, was einem entgegenkommt, was einem, indem man mit der Zeit fortschwimmt, wie ein entgegenrückender Strom sich in einen ergießt; und man fühlt dieses Ergießen in der Tat so, dass man – das ist bildlich gezeichnet –, dass man es fühlt wie Ströme, aber eben in der Zeit verlaufende Ströme, welche durch das Haupt hereinkommen und in den Leib sich ergießen und vom Leib aufgefangen werden.“[xxv] Entscheidende Voraussetzung für ein derartiges Erleben ist aber die Eigenschaft der größten Gelassenheit, an Stelle eines vorwärts drängenden Eigenwollens die spirituelle Tugend eines geheimnisvoll umgewendeten, empfangenden Wollens – insbesondere dem eigenen Karma gegenüber. Gerade auch in solchem Erleben kündigt sich wohl die neue Isis an, die dem Menschen aus der Zukunft zukommende heilige Sophia.

Zusammenfassung und Ausblick

Je höher der hierarchische Rang einer kosmischen Geistwesenheit ist, die es zu erkennen gilt, um so umfassendere Sphären und Bereiche der uns umgebenden Welttatsachen sind ins Auge zu fassen, will man ihren Wirkenskreis und damit auch ihren Wesensausdruck richtig deuten. Die heilige Sophia – als Schwesterwesenheit des hohen Sonnengeistes der Weisheit, des kosmischen Christuswesens – stellt sich aus den Schilderungen der Geisteswissenschaft als dem Rang der Kyriotetes zugehörig vor das innere Auge. Als Urweltweisheit und Repräsentantin des „Kosmos der Weisheit“ fasst sie gleichwohl Wesenswirkungen nicht allein der Kyriotetes (der Geister der Weisheit), sondern auch der Throne (der Geister des Willens) und der Dynameis (der Geister der Bewegung) zusammen. Von daher eröffnet sich der Zugang zu Isis-Sophia als einer Wesenheit, die maßgeblich auch mit der Entwicklung des „Alten Mondes“ verbunden war, welche vor allem die Dynameis lenkten. Ihr Erbe aus jener Zeit ist die Emanation der Welt der Sphärenharmonien, aus welcher heraus sich bis in die Gegenwart hinein mit jeder Inkarnation der astralische Leib des Menschen vorgeburtlich konfiguriert. Dieses makrokosmisch-mikrokosmische Verhältnis begründet in der Folge die innere Gesetzlichkeit, dass der menschliche Astralleib ursprünglich sophianischer Natur ist und durch den Vorgang der Katharsis auf dem spirituellen Pfad sich wandeln kann zu der „Jungfrau Sophia“ im Menschen, welche, von Heiligem Geist überschattet, das wahre Ich-Bin im Einzelmenschen einst zur Offenbarung bringen wird. Die Tatsache, dass – gegenüber aller großartigen Vergangenheit des Sophiawesens – das sophianische Weisheitselement dem Menschen aus der Zukunft entgegenkommt, wie es der inneren Natur des astralischen Leibes im tiefsten Sinne entspricht, macht, um sie zu finden, statt einer statischen eine in allen Einzelheiten dynamische Erkenntnis und zugleich ein umgewendetes Wollen erforderlich. Die Suche nach der neuen Isis bezieht sich nicht auf ein schlechterdings bereits Vorhandenes. Sie begründet für die Menschheit vielmehr ein ganz neuartiges Verhältnis zur Zukunft als solcher.

Ohne den Blick auf die hohe Geistwesenheit des Luzifer zu lenken – er selbst war einst ein vorweltlicher Kyrios –, kann das Verstehen der Sophia nicht gelingen. Die tieferen Beziehungen zwischen dem Christus, dem Heiligen Geist, Luzifer und der heiligen Sophia konnten hier – trotz einiger Ausführlichkeit – dennoch nur andeutend berührt werden. Es dürfte sich allerdings klar ergeben haben, dass Rudolf Steiner, sprach er von dem Christus und der heiligen Sophia oder aber von Heiligem Geist und der heiligen Sophia, stets auf die zwischen ihnen wesenden Beziehungen hinwies und in seinen Darlegungen nicht von einer Identität der Sophia mit einer der Personen des dreieinigen Gottes bzw. mit einer von deren erhabenen kosmischen Repräsentanten ausging.

In diesem Aufsatz kamen die alttestamentlichen Bezugsstellen zur heiligen Sophia (hebr. Chokhmah) nicht zur Sprache, aus welchen sich die Sichtweise ergeben kann, dass man in ihr eine selbstidentische Wesenheit vor sich hat, welche sämtliche neun hierarchischen Ränge der geschaffenen Engel und Intelligenzen, auch Cherubim und Seraphim noch überragt.[xxvi] Dies liegt aber darin begründet, dass der vorliegende Versuch gänzlich auf Steiners Ausführungen fußt und dass jene im Alten Testament überlieferte Schau der heiligen Sophia von ihm nicht thematisiert wurde.

Insbesondere die drei russischen Sophiologen Wladimir Solowjew (1853-1900), Pavel Florenskij (1882-1937) und Sergej Bulgakow (1871-1944) haben die in Frage stehenden biblischen Quellen zum Ausgangspunkt ihrer der heiligen Sophia gewidmeten Forschungen und Werke gemacht. Als ein tief berechtigtes Erkenntnisanliegen darf es angesehen werden, gerade die Lehren dieser bedeutenden russischen Denker im Sinne und vor dem Hintergrund der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners aufzuarbeiten. Der hier gegebene Ausblick verbindet sich mit der Hoffnung, dass die entsprechenden spirituellen Anstrengungen auch in Zukunft nicht erlahmen mögen.[xxvii]

©             NOVALIS 2004

erschienen in „Novalis“ – 1.2004


Anmerkungen und Hinweise

[i] Mit Blick auf den ostkirchlichen Priester und Sophiologen Sergej Bulgakow hat Barbara Hallensleben dieses Problem in unserer Zeitschrift ausführlich behandelt; vgl. ihren Beitrag Sergej Bulgakov – Denker und Diener der göttlichen Weisheit. In: NOVALIS 9/10 2003. Die dort vorgenommene Unterscheidung zwischen ungeschaffener und geschaffener Weisheit habe ich im Werk Rudolf Steiners nicht angetroffen. Deshalb wird sie hier nicht behandelt.

[ii] Mit dem hier behandelten Thema setzten sich in der Vergangenheit vor anthroposophischem Hintergrund verschiedene Autoren auseinander. Stellvertretend seien genannt: Sigismund von Gleich, Die Inspirationsquellen der Anthroposophie. Zeist 1953; Sergej O. Prokofieff, Die himmlische Sophia und das Wesen Anthroposophie. Dornach 1995; Michael Debus, Maria Sophia. Das Element des Weiblichen im Werden der Menschheit. Stuttgart 2000.

[iii] Vgl. R. Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss (1909). Dornach 1989.

[iv] Vgl. ders., Die geistigen Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt. Dornach 1991. Vortrag 12. April 1909.

[v] Vgl. ders., Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums. Dornach 1985. Vortrag 5. Februar 1913.

[vi] Vgl. ders., Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie. Dornach 1973. Vortrag 12. Juni 1912.

[vii] Vgl. ders., Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen. Dornach 1984. Vortrag 13. April 1912. Wie Osiris das Weltenwort in sich aufgenommen hatte, so diente jener hohe Sonnengeist der Weisheit als „Tor“, als „Einlass“ für den Logos. Die zweite Person des dreieinigen Gottes, der Sohn, der Logos, wird hier von R. Steiner nicht mit einer Wesenheit aus dem hierarchischen Rang der Kyriotetes gleichgesetzt.

[viii] Vgl. ders., Anthroposophie – eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren. Dornach 1994. Vortrag 2. Februar 1924.

[ix] Offenkundig ein Männliches und ein Weibliches auf einer erhabenen göttlich-geistigen Stufe.

[x] Vgl. R. Steiner, Wo und wie findet man den Geist? Dornach 1961. Vortrag 29. April 1909.

[xi] Vgl. ders., a. a. O., Vortrag 12. Juni 1912 (Fußnote 6). – Luzifer hatte während der „Alten Sonne“ das Weltenwort abgelehnt und all sein „unoffenbares Licht“ für sich selbst beansprucht. Er verlor daraufhin seine Herrschaft über die vorweltliche „Venus“, die der Herrschaft des Christus über die „Alte Sonne“ entsprochen hatte.

[xii] Vgl. ders., Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Dornach 1977. Vortrag 4. November 1919.

[xiii]Vgl. ders., Der Orient im Lichte des Okzidents. Dornach 1977. Vortrag 28. August 1909. Der Vortrag ist Bestandteil eines Zyklus, dessen Text R. Steiner zwölf Jahre nach seiner Abhaltung (1921) zur Veröffentlichung in der damals eben begründeten Zeitschrift „Die Drei“ neu redigierte.

[xiv] Ebenda.

[xv]Vgl. R. Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde. Dornach 1979. Vortrag 22. März 1909.

[xvi]Vgl. ders., Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung. Dornach 1999. Vortrag 10. Januar 1915.

[xvii]Vgl. ders., Schicksalszeichen auf dem Entwickelungswege der Anthroposophischen Gesellschaft. Dornach 1943. Vortrag 3. Februar 1913.

[xviii]Vgl. ders., Das Johannes-Evangelium. Dornach 1981. Vortrag 31. Mai 1908.

[xix]Vgl. Fußnote 8.

[xx]Vgl. R. Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Dornach 1988. Vortrag 24. Dezember 1920.

[xxi]Ebenda.

[xxii]Vgl. R. Steiner, Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie. Dornach 1980. Vortrag 4. November 1910.

[xxiii]Ebenda.

[xxiv]Vgl. R. Steiner, Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? Dornach 1976. Vortrag 23. März 1913.

[xxv]Ebenda. Zu beachten ist hier besonders das über das Haupt einstrahlende Von-oben-Hereinströmen des Weisheitselementes. Dieser Gesichtspunkt ist für den sophianischen Aspekt der Erweckung und Ausbildung der siebenfältigen Lotosblumen-Organisation des menschlichen Geistselbstes von großer Bedeutung.

[xxvi] Vgl. stellvertretend für zahlreiche weitere Stellen Sprüche 8,22 sowie Weisheit 7,22.

[xxvii]Vgl. M. Frensch, Weisheit in Person – Das Dilemma der Philosophie und die Perspektive der Sophiologie. Schaffhausen 2000; R. Powell, Die göttliche Sophia. Schloss Hamborn / Borchen 2004. Beide Arbeiten berücksichtigen außer der Anthroposophie in besonderer Weise auch das Früh-, sowie das Spätwerk Valentin Tombergs.

Kommentare

Guten Abend! Auf der Suche nach weiteren Aspekten für ein Kurzreferat in unserer Gemeinde – wir suchen einen Namen, einen Genius, der sich mit uns verbindet – stelle ich die Sophia vor. Sie können sich denken, dass ich bei allem, was ich bereits zusammen getragen habe, sehr froh über Ihre großartige Zusammenfassung bin.

Mit herzlichem Gruß,
Astrid Böhme

Hinterlasse einen Kommentar

Dein Kommentar: