17.08.2010

Gelassenheit

Robert Spaemann

Das Thema, mit dem wir es hier zu tun haben, kommt in der neuzeitlichen Ethik selten vor. Es scheint auch auf den ersten Blick nicht in die Ethik hinein zu gehören: das Schicksal. Hat es doch mit unserem Handeln zu tun, mit dem, was von uns abhängt. Was ohne uns ist, wie es ist, scheint kein möglicher Gegenstand ethischer Überlegungen zu sein. Und doch haben immer wieder Denker aller Zeiten es für das Wichtigste gehalten, dass der Mensch sich in ein richtiges Verhältnis zu dem setzt, was ohne ihn ist, wie es ist zum Schicksal. „Der Anfang, das Prinzip der Moralwissenschaft“, so schreibt Hegel in seinen Habilitationsthesen, „ist die Ehrfurcht, die wir dem Schicksal entgegenbringen müssen“. Principium scientiae moralis est reverentia fato habenda.

Wie sollen wir das verstehen? Warum ist überhaupt das von uns Unbeeinflußbare Gegenstand einer praktischen Überlegung, wo diese doch praktisch folgenlos zu sein scheint? Lassen wir uns folgende Antwort versuchen: Menschliches Handeln hat, so haben wir gesehen, seine Würde darin, dass es nicht einfach als bewusstloses Teilelement eingeht in einen übergreifenden Geschehenszusammenhang. Jedes menschliche Leben ist vielmehr selbst ein Sinn‑Ganzes. Der einzelne hat selbst seine Handlung in einem unbedingten Sinne zu verantworten. Sogar wenn er versuchsweise handelt, experimentell, sogar wenn er die Folgen seiner Handlung nicht absehen kann, so ist doch die Tatsache, dass er hier und jetzt dies oder das getan oder nicht getan hat, ein unwiderrufliches Faktum und als solches für immer Bestandteil seines Lebens. Als solches hat er es zu verantworten.

Aber wie sollen wir es verantworten, wenn wir doch gleichzeitig wissen, dass alle unsere Handlungen tatsächlich eben doch nur Teilmomente eines übergreifenden Geschehens sind, welches wir gar nicht in der Hand haben? Wo wir menschliche Freiheit als schlechthin Unabhängigkeit verstehen, da bleibt uns nur eine einzige Handlung, der Selbstmord. Mit ihm entziehen wir uns dem Gang der Welt. Aber diese Handlung negiert im selben Augenblick auch die Freiheit, die sie realisiert. In ihr verbraucht sich die Freiheit: sie ist dann nicht mehr.

Im übrigen hat der, der handelt, gar nicht die Wahl, ob er sich zur Wirklichkeit in ein Verhältnis setzen will oder nicht. Er tut es, indem er handelt. Er hat, indem er zu handeln beginnt, das Schicksal schon akzeptiert, das vergangene wie das künftige. Wieso das? Da es für den Menschen kein voraussetzungsloses Handeln ins Nichts und aus dem Nichts gibt, bedeutet Handeln immer schon, gegebene Bedingungen übernehmen. Nehmen wir als Beispiel die Politik. Es gibt sogenannte Politiker, die erklären, sie könnten zur Zeit ihre Politik nicht machen, weil die Bedingungen dafür nicht gegeben seien. Solche Leute verstehen gar nicht, was politisches Handeln heißt. Es heißt immer: unter gegebenen Bedingungen, die wir uns nicht ausgesucht haben, etwas Sinnvolles tun, nämlich das unter diesen Bedingungen Bestmögliche. Dazu kann auch der Versuch gehören, die Bedingungen zu ändern.

Im Unterschied zu den Tieren verändern Menschen immer handelnd zugleich die Randbedingungen ihres Handelns. Das ist es, was wir Geschichte nennen. Aber sie können das doch immer nur, wenn sie für ihr Handeln zunächst einen gegebenen Rahmen akzeptieren. Wer das nicht kann oder will, ist infantil geblieben. Zu den vorgegebenen Bedingungen gehört nicht nur der äußere Rahmen unseres Handelns, sondern auch unser eigenes So‑Sein, unsere Natur, unsere Biographie. Nicht nur die Wirklichkeit außer uns ist, wie sie ist, auch wir selbst sind in einem gewissen Maße, wie wir sind, ohne das ändern zu können. Es ist zwar eine schlechte Ausrede, wenn ein Mensch, der einem anderen unrecht tut, einfach feststellt: „So bin ich eben.“ Denn unser So‑Sein ist nicht eine feststehende Größe, die unser Handeln bestimmt, sondern es wird umgekehrt auch immer wieder durch unser Handeln geformt. Aber auch dieses Handeln beginnt nicht am Nullpunkt. Nicht alles ist uns jederzeit möglich. Erst im Laufe unseres Lebens entdecken wir die durch unsere Natur vorgezeichneten Grenzen. Und wenn wir mit jeder Handlung indirekt auf uns selbst einwirken, uns selbst gestalten, so bedeutet das eben auch, dass unsere vergangenen Handlungen für uns den Charakter des Schicksals annehmen. Es ist dies wichtig zu bedenken, weil zum richtigen Leben das klare Bewusstsein gehört, dass wir mit allem, was wir tun, jedem Wort, jeder Geste, jeder Lektüre, jeder Fernsehsendung, jeder Unterlassung, etwas Unwiderrufliches in der Formung unserer selbst tun. Der Stellenwert des Geschehenen kann sich ändern, wir können einen neuen Weg einschlagen, aber nie ist etwas so wie vorher. Unser eigenes Handeln nimmt im Ablauf der Zeit für uns die Gestalt des Schicksals an. Wer das nicht will, darf nicht handeln. Aber das hilft ihm auch nichts, denn die Unterlassung würde ihm auch zum Schicksal.

Noch irritierender für das Autonomiebewusstsein ist die Tatsache, dass der Handelnde auch die Zukunft nicht im Griff hat, dass er vielmehr nur handeln kann, wenn er bereit ist, sich auch mit Bezug auf die Zukunft in das Erleiden des Schicksals zu fügen. Das ist leicht einzusehen. Es ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass wir die langfristigen Folgen unseres Handelns nicht kontrollieren können. Schon der Schachspieler kann, wenn er mit einem einigermaßen ebenbürtigen Gegner spielt, den Gang des Spieles nicht voraussehen. Jeder seiner Züge bildet für den Gegenspieler die Herausforderung für einen Gegenzug und ist nicht etwa nur Bestandteil seiner eigenen Strategie. Was langfristig aus unserem Handeln wird, wissen wir nicht. Wir können hoffen, dass unsere Intentionen von denen, die nach uns kommen, aufgenommen und irgendwie fortgesetzt werden. Wir selbst sind ja für sie auch Schicksal, so wie sie für uns. In der Hand haben wir dieses Schicksal nicht.

Handeln heißt deshalb immer: sich loslassen, sich selbst und seine Intentionen aus der Hand geben. Insofern ist endliches Handeln immer zugleich eine Einübung des Sterbens. Es gibt in Wirklichkeit gar nicht eine klare Grenze zwischen Handeln und Leiden. Handeln selbst schließt das Erleiden unmittelbar ein. Wenn das so ist und wenn dennoch wahrbleiben soll, dass das Leben des einzelnen Menschen ein Ganzes und sinnvoll ist, dann nur, wenn auch das Umgekehrte

gilt, das heißt, wenn Leiden selbst noch einmal eine Form von Handeln ist. Entweder, unser Handeln wird von der Äußerlichkeit des Schicksals aufgesogen, neutralisiert, wie die konzentrischen Wellen, die ein Stein in einem großen See hervorruft, oder aber wir setzen uns in ein bewusstes und ausdrückliches Verhältnis zu dem, was geschieht, und nehmen es so in den Sinn unseres Lebens mit auf.

Wie sieht das aus? In welches Verhältnis können wir uns setzen zu dem, was geschieht? Es gibt, wie mir scheint, drei Möglichkeiten. Ich verwende für sie die Worte Fanatismus, Zynismus und Gelassenheit.

Der Fanatiker ist der, der daran festhält, dass es Sinn nur gibt als von uns gesetzten und realisierten. Wenn er die Tatsache zur Kenntnis nimmt, dass der Handelnde der Übermacht des Schicksals gegenübersteht, so weigert er sich doch, diese Tatsache zu akzeptieren. Er will die Rahmenbedingungen ändern oder zugrunde gehen. Michael Kohlhaas wird zum Fanatiker. Er ist nicht bereit, seine Ohnmacht gegen das Unrecht, das ihm widerfahren ist, hinzunehmen und setzt die ganze Welt in Brand, damit das Recht wiederhergestellt wird. Fanatisch ist jeder Revolutionär, der keine moralischen Grenzen seines Handelns anerkennt, weil er davon ausgeht, dass überhaupt erst durch sein Handeln Sinn in die Welt kommt, während jeder moralische Standpunkt davon ausgeht, dass immer schon Sinn da ist, nämlich durch die Existenz jedes einzelnen Menschen, und dass, wenn dies nicht so wäre, jedes Bemühen vergeblich wäre, überhaupt etwas Sinnvolles zu tun. Der Fanatiker ist der, der mit Hitler sagt: Wenn wir untergehen, hat die Weltgeschichte ihren Sinn verloren.

Das Gegenteil des Fanatikers ist der Zyniker, obgleich jenem in der Praxis zum Verwechseln ähnlich. Der Zyniker ergreift nicht die Partei des Sinnes gegen die Wirklichkeit, sondern die der Wirklichkeit gegen den Sinn, er verzichtet auf Sinn. Er betrachtet auch Handeln unter dem Aspekt mechanischen Geschehens. Er glaubt an das Recht des Stärkeren. Zynisch waren die Athener, die die kleine Insel Melos erpressen wollten, ihre Bundesgenossen gegen Sparta zu werden. Sie drohten, alle Männer zu töten und Frauen und Kinder in die Sklaverei zu führen. Die Melier wiesen auf die Ungerechtigkeit dieses Verhaltens hin. Die Athener aber antworteten: „Was heißt hier Gerechtigkeit? Gerechtigkeit gibt es nur zwischen annähernd Gleichstarken. Ihr seid schwach, wir sind stark, daraus ergibt sich alles weitere.“ Das ist Zynismus, durch keine Ideologie gemildert, denn die Ideologie ist immer noch die wenigstens formale Anerkennung moralischer Regeln wie der der Gerechtigkeit, wenn diese auch in die Richtung partikularer Interessen gebogen werden. Über solche Verbiegung läßt sich aber streiten, man kann sie entlarven, kritisieren, man kann die Ideologie beim Wort nehmen. Der Zyniker ist unangreifbar, weil er von vornherein die Partei der sinnlosen Wirklichkeit ergriffen hat. Der Fanatiker hat sozusagen Schaum vor dem Mund, der Zyniker grinst. Oft wird der Fanatiker nach einiger Zeit zum Zyniker, wenn er nämlich seine Erfahrung mit der Übermacht der Realität, die er bekämpft, gemacht hat. Im Grunde sind sie beide von Anfang an darin miteinander einig, dass die Wirklichkeit, die unser Handeln umgibt, die ihm vorausgeht und in die es einmündet, sinnlos ist.

Diese Überlegungen zeigen uns, dass es sinnvolles Handeln überhaupt nur geben kann, wenn wir uns in ein positives Verhältnis zur Wirklichkeit setzen, die den Rahmen unseres Handelns abgibt. Dem Fanatiker, der Sinn will, kann man das vielleicht klarmachen, dem Zyniker natürlich nicht. Ihm ist mit Argumenten so wenig beizukommen wie dem radikalen Skeptiker, man kann ihn nur sich selbst überlassen. Man muss ihn bekämpfen, wo andere seine Opfer werden. Helfen kann ihm höchstens jemand, der ihm auf andere als argumentative Weise eine Welt des Sinnes erschließt, jemand, der ihn Werterfahrungen machen läßt. Helfen kann ihm vielleicht Liebe, aber auch nur, wenn er will und wenn er einsieht, dass Zynismus eine Krankheit ist, die den Menschen selbst um den Sinn seines Lebens bringt.

Die vernünftige Haltung des Menschen gegenüber dem Schicksal, jene Haltung, die die Philosophie aller Zeiten gelehrt hat, nennen wir: Gelassenheit. Das Wort stammt aus der Sprache der deutschen Mystik des Mittelalters, die Sache ist aber sehr einfach. Unter Gelassenheit verstehen wir die Haltung dessen, der das, was er nicht ändern kann, als sinnvolle Grenze seines Handelns in sein Wollen aufnimmt, der die Grenze akzeptiert. Das scheint trivial zu sein. Was wir nicht ändern können, geschieht ja ohnehin, ob wir es akzeptieren oder nicht. Richtig. Und eben deshalb sollen wir uns mit ihm anfreunden, weil wir anders mit uns selbst nicht befreundet sein können. Denn auch unser eigenes Dasein und So‑Sein ist Schicksal. Wer das Schicksal nicht akzeptiert, kann sich selbst nicht akzeptieren. Ohne Freundschaft mit sich selbst aber kann es kein gutes Leben geben.

Es waren vor allem die Philosophen der Stoa, die die Lehre von der Gelassenheit entwickelt haben. Epiktet und Seneca priesen die Annahme des Schicksals als endgültige Befreiung des Menschen. Wer das, was ohnehin geschieht, so sagten sie, in sein Wollen aufnimmt, dem kann nichts mehr gegen seinen Willen geschehen. Er ist so frei wie Gott. Das höchste Ideal des stoischen Weisen war die Apathia, die Leidenslosigkeit und Leidenschaftslosigkeit. Gegen diese Haltung kann man nun allerdings einwenden, dass durch sie umgekehrt das menschliche Handeln um eine entscheidende Dimension verkürzt wird, nämlich um die Dimension des leidenschaftlichen Engagements. Die Stoiker lehrten Leidenschaftslosigkeit, sie verurteilten sogar die Leidenschaft des Mitleids. Der Mensch solle nur aus reiner sittlicher Vernunft handeln. Nun gehören aber die Leidenschaften zur Natur des Menschen, und die Natur will ja der Stoiker akzeptieren. Also müsste er auch die eigene Natur akzeptieren. Außerdem kann nur der wirklich engagiert Handelnde die Grenzen des Möglichen testen. Wenn er vor dem Unmöglichen kapituliert, weiß er, dass es wirklich unmöglich war. Seine Kapitulation ist allerdings eine schmerzhaftere als die des Stoikers, denn er gibt etwas auf, woran er wirklich gehangen hat.

In diesem Punkt unterscheidet sich die christliche Lebenslehre von der stoischen. Auch sie lehrt, wie alle Weisheitslehren der Welt, die Ergebung in das Schicksal. Aber sie unterscheidet sich von den anderen Weisheitslehren durch größeren Realismus einerseits und durch eine neue Motivation andererseits. Der Realismus liegt darin, dass die Grenzen der natürlichen Subjektivität wirklich ausgemessen werden. Der in diesem Sinne Gelassene trickst nicht sozusagen die Götter aus, indem er erklärt, die Trauben, die sie ihm vorhalten, seien ihm ohnehin zu sauer. Er ist nicht leidenschaftslos, nicht gleichgültig gegen den Erfolg oder Misserfolg seiner Absichten, wie es die Stoiker lehrten. Deshalb wird sein Scheitern dramatischer. Im Alten Testament wird Hiobs Hadern mit Gott geschildert, seine verzweifelten Anklagen gegen Gott; denn im Unterschied zum Zyniker besteht Hiob darauf

dass die Wirklichkeit als Werk Gottes sinnvoll sein müsse. Aber er kann diesen Sinn nicht entdecken. Am Ende steht dann einfach die Kapitulation vor der Übermacht Gottes, der ihm vorhält, dass er und nicht Hiob schließlich das Krokodil und das Nilpferd gemacht hat. Und auch Jesus ist offenbar alles andere als ein stoischer Weiser, wenn er in Todesangst um sein Leben bittet, um dann hinzuzufügen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Die Resignation vor dem Unvermeidlichen ist nur dann wirklich menschlich, wenn das Unvermeidliche sich wirklich als solches erwiesen hat. Erweisen kann es sich aber nur für den, der wirklich an die Grenze gestoßen ist und nicht aus Angst, sich Beulen zu holen, es gar nicht erst versucht hat, die Grenzen des Möglichen zu erweitern. Gelassenheit ist deshalb nicht Fatalismus. Es ist die Bereitschaft des Handelnden, sein Scheitern noch als sinnvoll zu akzeptieren. Das setzt voraus, dass wir nicht eine prinzipielle Grenze ziehen zwischen unserem Handeln und der Wirklichkeit, die dieses Handeln einerseits ermöglicht und an der es andererseits scheitert.

Es ist die Eigentümlichkeit der Religion, in beidem denselben Grund zu sehen. Gott gilt einerseits als Ursprung und Garant der sittlichen Forderungen. Andererseits aber als Herr der Geschichte, das heißt als der, der auch noch im Scheitern unserer guten Absichten verehrt wird und der überdies ‑ und das ist die Hauptsache ‑ die letztendliche Übereinstimmung der guten Absichten mit dem Weltlauf garantiert. Ich sagte: das ist die Hauptsache. Wir könnten uns nach Analogie des universellen Täuschegeistes, den Descartes erfunden hat, einen solchen Täuschegeist, einen genius malignus ausdenken, der systematisch dafür sorgen würde, dass alle unsere guten Absichten immer ins Gegenteil verkehrt werden, dass unsere guten Handlungen immer schlechte Folgen haben. In einer solchen Welt würden wir gar nicht gut handeln können.

Zum guten Handeln gehört deshalb das Vertrauen, dass dies nicht der Fall ist, das Vertrauen, dass Gutes auch zu Gutem führt, wenigstens im allgemeinen und auf lange Sicht. Nur dann nämlich hat gutes Handeln überhaupt Sinn; nur dann wird sein immanenter Sinn nicht vernichtet durch den Weltlauf. Wir können das aber nur glauben, wenn wir zugleich glauben, dass es dem Bösen nicht definitiv gelingt, sich seinerseits auch durchzusetzen; denn dann würden die guten Absichten letztendlich alle vereitelt. Der Gottesglaube schließt daher sogar den Gedanken ein, dass die schlechten Absichten auf lange Sicht ins Gegenteil verkehrt werden und zum Guten beitragen müssen. Das ist übrigens der Kern der Geschichtsphilosophie ebenso von Kant wie von Fichte und Hegel und auch von Marx. Und in diesem Sinne sagt Mephisto in Goethes Faust: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Der Gelassene handelt mit Entschiedenheit, aber er hat den Lauf der Dinge, der sein Handeln ermöglicht, und damit auch sein mögliches Scheitern akzeptiert, denn er weiß, dass der Sinn nicht erst durch ihn und sein Handeln in die Welt kommt. Martin Luther erwähnt einmal einen Missionar, der ein Land bekehren will und dann tatsächlich keinen einzigen Menschen bekehrt. Er beginnt mit seinem Schicksal zu hadern. Luther tadelt ihn deshalb mit der Bemerkung: „Es ist das sichere Zeichen eines schlechten Willens, dass er nicht leiden kann seine Verhinderung.“

In diesem Sinne ist Gelassenheit nicht Passivität, Verzicht auf Veränderung der Welt, sondern Bejahung einer Wirklichkeit, die es überhaupt wert ist, dass man ihr durch Veränderungen zu Hilfe kommt. Wäre über die Welt das Wesentliche dadurch gesagt, dass sie schlecht ist, dann würde es sich nicht lohnen, Menschen zum Leben zu verhelfen. Denn jeder Mensch ist eine neue Weise, wie die Welt zum Bewusstsein kommt. Eine hauptsächlich schlechte Welt aber verdiente es gar nicht, immer wieder zu Bewusstsein zu kommen, immer wieder gespiegelt zu werden. Alle Hilfe, alle soziale Aktivität kann deshalb nur den Sinn haben, Menschen zu helfen bei der Entdeckung, dass das Leben lebenswert ist. Es gibt ja Lebensbedingungen, wo diese Entdeckung fast unmöglich ist.

Gelassene Annahme der Wirklichkeit ist, so sahen wir, die Bedingung dafür, dass der Mensch mit der Welt, mit seinesgleichen und mit sich selbst in Freundschaft leben kann, also die Bedingung eines glücklichen Lebens und die Bedingung dafür, dass der subjektive Lebenssinn nicht durch die Realität Lügen gestraft wird. Ein letzter Gedanke soll dies erläutern.

Ich sagte schon: die Generationen sind füreinander Schicksal. Wir übernehmen die Welt, wie sie uns von den Älteren hinterlassen wurde. Und wir sind darauf angewiesen, dass Jüngere auf irgendeine Weise das ihnen hinterlassene Erbe aufnehmen und unsere Intentionen fortsetzen. Freundschaft zwischen den Generationen ist daher eine Bedingung dafür, dass dieses unser Handeln umgreifende Schicksal sich nicht als ein feindliches erweist. Die Älteren haben die Aufgabe, einerseits die Jugend in ihre Wertschätzungen so weit einzuführen, dass sie sie verstehen lernt, dass sie Identifikationsmöglichkeiten entwickelt und dass sie ihr selbständiges Handeln als Fortsetzung des Handelns derer vor ihnen begreifen kann. Die Älteren haben aber auch die Aufgabe, den Kommenden die Welt so zu hinterlassen, dass diese mit der Hinterlassenschaft etwas anfangen können, dass sie sich nicht einer übermächtigen Infrastruktur gegenübersehen, die sie sich gar nicht aneignen können, und dass sie nicht ein dezimiertes und ausgeplündertes Erbe übernehmen müssen. Die Jungen aber können nur sinnvoll handeln, wenn sie sich in ein affirmatives Verhältnis setzen zu der unfertigen Wirklichkeit, die sie vorfinden.

Es gibt zwar keinen Ersatz für Gelassenheit, nie und unter keinen Umständen und unter schlechten am wenigsten, aber es gibt große Erschwernisse; und es gehört zu den fundamentalen Pflichten des Menschen gegen seinesgleichen, ihm die gelassene Annahme des Schicksals zu erleichtern. Pflicht ist übrigens hier wohl das falsche Wort. Der Glückliche hat das natürliche Bedürfnis, Glück mitzuteilen. Geteilte Freude ist bekanntlich doppelte Freude. Gelassenheit ist eine Eigenschaft des Glücklichen. Der Philosoph Wittgenstein geht soweit zu schreiben: „Ich bin entweder glücklich oder unglücklich. Man kann sagen Gut und Böse gibt es nicht.“ Das ist zugespitzt und mißverständlich. Was Wittgenstein meinte, hat vielleicht deutlicher der Philosoph und Brillenschleifer Spinoza formuliert: „Glück“, so schreibt er, „ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst.“

Aus: Robert Spaemann  “Moralische Grundbegriffe”, München 1999, S. 98 ff. Der Abdruck geschieht mir frdl. Genehmigung der G.H. Beck’schen Verlagsbuchhandlung, München

Prof. Dr. Dr. hc mult. Robert Spaemann, Jg 1927, Professor von 1962 bis 1992, ord. Prof. für Philosophie an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg, München, lebt in Stuttgart.

NOVALIS 2004

Kommentare

Es tut gut, endlich wieder einmal Wahrheit in klaren, knappen Worten gezeigt zu bekommen, danke!

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